Ein Tag aus dem Leben von Frederik Mijten

Dienstagmorgen, 01.30 Uhr. Frederik Mijten (44) geht schlafen. 04.30 Uhr, das Telefon  klingelt, ein Züchter bittet dringend um Beistand und schickt Fotos per Smartphone. Dies ist ein Notfall; ein ‚red bag delivery‘. Nicht einzugreifen ist keine Option. Frederik greift ein, instruiert den Züchter, der zum Glück kaltblütig jede Handlung, die Frederik vorgibt, nahtlos ausführt. Schneide die Fruchtblase auf! Einige Zeit später steht das Fohlen auf seinen Beinen. „Wenn es auch mitten in der Nacht ist, das gibt mir Kraft“, erzählt Frederik über die vergangene Nacht: „Und das brauche ich, denn nicht jede Intervention hat ein Happy End.“ Davon sind wir heute Zeuge. Zeugen eines Tages, der um 04.30 Uhr mit einem Notfallanruf begann. Um 08.00 Uhr trinken wir bei Frederik daheim eine Tasse Kaffee und fahren dann zu seiner Praxis in Spalbeek. Das sind  nur zehn Minuten Fahrt, und das wird die kürzeste Fahrt des Tages werden. Als wir kurz nach Mitternacht wieder zu Hause sind, stehen wieder 300 km mehr auf dem Tacho. Wir durchkreuzen das flämische Land; wir kontrollieren und inseminieren, impfen und euthanasieren. Wir stellen Diagnosen, können unterwegs helfen, stehen aber manchmal auch machtlos da. Im Laufe des Tages stellen wir fest, dass ein Tierarzt sich am besten eine Hornhaut für sein Gefühlszentrum im Gehirn zulegen sollte, denn man geht mehrmals am Tage durch eine emotionale Achterbahn. Man schafft Leben, manchmal nimmt man Leben und muss Abschied nehmen. Oder Kunden Rat geben und zwischen Emotionalität und Rationalität balancieren.  

08.00 Uhr

Seine beiden Söhne machen sich auf den Schulweg. Wir haben gerade noch Zeit für eine Extratasse Kaffee. „Als Tierarzt habe ich alles von meinem Vater gelernt. Er ist in Rente, hat aber 40 Jahre Praxiserfahrung. Wenn ich sehe, mit welchen Kommunikationsmitteln wir heutzutage arbeiten, kann ich mir kaum vorstellen, wie man das vor 40 Jahren geschafft hat. Es war eine Zeit ohne Mobilfunk und Internet. Ich erinnere mich, dass mein Vater ein CB-Funkgerät hatte (mit dem man im Wagen über bestimmte Radiofrequenzen kommunizieren konnte), doch wird die jüngere Generation das gar nicht mehr kennen. Als kleiner Junge war es für mich schnell eine ausgemachte Sache, dass ich wie mein Vater Tierarzt werden würde, und ich war dann acht Jahre als Student in Gent.“ Acht Jahre, Frederik? Sind das nicht zwei Jahre zu viel? Frederik lacht mit schelmischem Blick: „Zweimal sitzen bleiben, das ist doch normal für einen Jungen vom Lande, der plötzlich ins Studentenleben in Gent eintaucht. Die ersten Jahre waren heftig. Das war Sonntagabend ankommen und Dienstagabend feststellen, dass dein Wochengeld schon weg ist (lacht). Ich jobbte zum Glück nebenbei, mittags in einer Snackbar bedienen, abends als DJ die Plattenteller drehen. Ich habe eine aktive Studentenzeit gehabt. Nach zwei Jahren hatte ich alles gesehen und  habe wirklich angefangen zu studieren.“

Wir trinken noch einen Kaffee, einen für unterwegs. Frederik sinniert….Ich bin jetzt 18 Jahre Tierarzt, und Sie werden heute sehen, dass die Romantik der Industrie weichen musste. Heute ist alles professionalisiert und spezialisiert. Das ‚Doktor Vlimmen‘-Gebaren ist fast verschwunden. Stuten untersuchen und besamen ist Fließbandarbeit geworden.

In meinen Kindertagen ging ich jede freie Minute mit meinem Vater mit. Ich half bei Geburten von Lämmern, Kälbern und Fohlen. Mein Vater ist 21 Jahre auf Zangersheide Tierarzt gewesen. Ich habe als zarter Teenie noch ein Fohlen meines Vaters auf dem allerersten Z-Festival vorgestellt. Damals hieß das aber noch Benelux Meisterschaft. Da  waren, glaube ich, 18 Fohlen genannt.

Ich war von Kindesbeinen an von Zangersheide fasziniert. Und noch stärker beeinflusst durch Herrn Melchior; sein visionäres Herangehen, seine Direktheit, wie er seine Ideen realisierte. Wie er Heiligtümer niederriss. Als Tierarzt habe ich alles von meinem Vater gelernt, als Mensch habe ich sehr viel von Herrn Melchior gelernt. Mein Respekt für ihn ist grenzenlos. Weil er mich inspirierte.“

Seine Eltern hatten daheim in ihrer Praxis so viel zu tun, dass für die Hobbys der Kinder keine Zeit war. „Als Kind spielte ich Kaufladen. Als ich zwölf war, kamen die Bauern nach Hause, Medikamente kaufen, und ich bediente sie: Wurmkuren, Penicillin, Desinfektionsmittel. Sagen Sie das ruhig. Wenn meine Eltern in der Praxis beschäftigt waren, ging ich zur Hand und hielt die Apotheke geöffnet. Oh, darf ich das eigentlich sagen?“ Das ist inzwischen verjährt, Frederik grinst….

08.15 Uhr

Das Hauptquartier von Equivet, der Praxis von Frederik, liegt in Spalbeek. Ein paar Autominuten von seinem Wohnort entfernt. Equivet ist der Betrieb von Frederik. Er arbeitet dort mit Marieke, Ine, Pieter und seiner Frau Nyree zusammen.

08.15 Uhr        Ine und Frederik kontrollieren eine Stute.

Wir kontrollieren, ob einige Stuten von brasilianischen Kunden ovuliert haben, und allmählich bildet sich eine Warteschlange. Es ist ein Kommen und Gehen von  Pferdetransportern. Züchter lassen mit  hoffnungsvoller Spannung ihre Stuten kontrollieren. Ist sie bereit? Noch nicht? Übermorgen wiederkommen? Amerikanische Kunden lassen ihre Stute in Händen von   Equivet, das nach der Geburt auch für die Aufzucht sorgt. So stehen rund 70 Pferde auf den Weiden von Frederik. Das Team von Equivet besamt jährlich rund 800 Stuten!

Frederik Mijten arbeitet häufig mit endoskopischer Insemination. Er begann das einst durch einen Impuls von Léon Melchior. „Es ist eine Art der Besamung, bei der man wenig Sperma tiefer einbringen kann. Das ist die Technik der tiefen intra-uterinen Insemination (IUI). Das Problem bei teuren Hengsten ist, dass man viel bezahlt, aber meist gerade nur ein Röhrchen bekommt. Mit der endoskopischen Insemination erhöht man die Chance einer Befruchtung.“ Der Tiefgefrierbehälter geht auf, ein teures Röhrchen von 0,5 Millilitern wird dem dampfenden Stickstoff entnommen und aufgetaut. Team Mijten braucht exakt eine Minute, um das flüssige Gold mit der Eizelle zu vereinigen. Mission erfüllt. Die nächste bitte…

Nyree ist bei Equivet u.a. verantwortlich für das Sperma.

10.00 Uhr

Frederik kontrolliert seine 10 Hektar Grasland, bevölkert von einem internationalen  Gemisch von amerikanischen, deutschen, brasilianischen, spanischen und belgischen Stuten und Fohlen. Manche warten auf ihre Ovulation, andere bleiben im Dienst der Pädiatrie oder genießen die Annehmlichkeiten der Kinderkrippe. Ihre Bleibe strahlt in der Sonne, mit üppigem frischem Gras bis zum Horizont. Es ist ein Moment der Ruhe und Stille. Frederik starrt melancholisch vor sich und überblickt die Welt der Zucht. Wir lernen inzwischen, dass Stuten etwa alle 21 Tage ovulieren und dass es so etwas wie die Fohlenrosse gibt, etwa zehn Tage nach der Geburt. „Dazu rate ich nicht, weil man es nach dieser kurzen Zeit noch mit einer sich regenerierende Gebärmutter zu hat, in Kombination mit einem noch sehr jungen Fohlen, das oft Schwierigkeiten mit dem Transportstress hat.“

Demzufolge ist mit gesundem Menschverstand nicht zu begreifen, warum man überhaupt überlegt, seine Stute nach zehn Tagen schon wieder decken zu lassen? Frederik runzelt die Augenbrauen: „Weil es  oft um Auktionen und Prämierungen geht, und ein frühes Fohlen sieht auf einer Auswahl oder Auktion nun mal besser aus als ein spätes Fohlen. Ich stelle fest, dass die Zucht enorm kommerzialisiert ist. Es geht um Produktion, der liebvolle und romantische Charakter des Züchtens verschwindet allmählich.“    

10.30 Uhr

Das Telefon klingelt… permanent eigentlich. Wenn man Frederik Mijten mal begegnet, und man sieht sein rechtes Ohr zittern, ist das vollkommen normal. Das sind die Nachbeben. Sein Ohr ist verwachsen mit einem Knöpfchen, das ständig seine Aufmerksamkeit verlangt. Frederik verwaltet auch noch ein Callcenter. Hier Frederik! Ja, wir kommen sofort. Hallo, hier  Frederik? Ich komme heute vorbei, ich rufe Sie eine halbe Stunde vorher an. Hallo, hier…, wir wollen das rasch für die Statistik nachhalten. Drei Stunden und dreiundvierzig Anrufe später sind wir das Zählen leid.  

10.30 Uhr        Vor der Abfahrt noch rasch den Plan durchgehen.

Eine ehemalige Sportstute kündigt sich an. Heutzutage müssen alle länger arbeiten. Das ist für ein Pferd nicht anders. Nach der sportlichen Karriere erfolgt die Neuorientierung Richtung Zucht. Der  Karriere-Switch verläuft mühsam. Madame Stute fühlt sich in ihrem neuen Job noch nicht ganz in ihrem Element. Jobcoach Frederik beurteilt es plastisch: „Ihr ganzer Haushalt hat jahrelang stillgelegen. Dann wird man mit verrosteten Türen und verwilderten Gärten konfrontiert.“ So, das ist ein verständlicher Satz. Es wird gescannt, untersucht, aber nichts gefunden. Das braucht zunächst eine andere Behandlung, und darüber will Frederik gleich mehr erzählen. Er hat jetzt keine Zeit, denn die nächste kündigt sich an. Auch eine Sportstute, die  kürzlich noch bei der BM der Junioren auf dem Podium stand. Der bewusste Junior muss studieren und hat danach Examen, seine Stute schaut mal vorbei, weil sie in der Zwischenzeit schwanger werden will. Also die Rosse anspritzen? Machen wir.

Die nächste… und so geht es den ganzen Vormittag weiter.

11.30 Uhr

Wir blicken in die Gebärmutter einer niederländischen Stute, die sichtlich Schleim bildet, was auf eine Entzündung hinweist. PBE lautet die Diagnose, oder Post Breeding Endometritis, die häufigste Komplikation, weshalb Stuten nicht mehr tragend werden. Es betrifft Stuten, die nach der Besamung aufgrund einer Gebärmutterentzündung nicht mehr tragend werden. Das muss mit Medikamenten behandelt werden, doch  hilft das nicht immer.

11.45 Uhr

Ein Kunde hat in einer Plastikdose den Kot seiner Stute gesammelt und will ihn untersuchen lassen. Während der Inspektion der Weide sah er Würmer in den Ausscheidungen. Safety first, muss der Mann gedacht haben. Er kommt extra zu Frederik damit. Seine Reaktion ist gut, die Wahrnehmung könnte besser sein. Eine mikroskopische Untersuchung scheint überflüssig. Wir sehen tatsächlich Würmer, … Regenwürmer. Noch nie habe ich jemanden so froh und erleichtert über Regenwürmer gesehen. Er kann angeln gehen. 

12.00 Uhr

Es gibt eine Beratung mit einer Kundin. Sie will ihre Stute  gerne bringen, aber die ist der Besitzerin zufolge ‚bösartig‘ und darf nicht mit anderen Stuten auf die Weide. Frederik runzelt die Augenbrauen; „Haben Sie die Stuten hier auf der Weide gesehen? Die strahlen Ruhe aus. Weil sie fressen und viel Platz haben. Pferde müssen sich bewegen. Aber ich kenne die Situation, die bewusste Stute wird aus Besorgnis drinnen gehalten, und das ist natürlich fatal. Ach, die echten Pferdemenschen verschwinden“, seufzt Frederik.

12.15 Uhr

Welch ein nettes Bild. Das schönste Pferdchen des Tages kommt tatsächlich unvermittelt über die Straße hereingelaufen. Ein Bauernjunge scheint es, ein hübscher feiner Junge, nett frisiert. Herr Tinker kommt mit seinen Beisserchen zur jährlichen Wartung. Frederik ist neben Tierarzt auch Zahnarzt. Alles gut, keine Löcher. Nur ein wenig glattraspeln. Auch das gehört zu seinen Aufgaben.  

12.15 Uhr        Herr Tinker kommt zur jährlichen Zahnkontrolle.

Seit er laufen konnte, war Frederik auf Zangersheide. Er ist dort inzwischen fester Teil der Ausstattung und wird als Gynäkologe assoziiert. Das Stigma des Gynäkologen durchbricht er: „Die Fertilität macht gerade 50% meiner Praxis aus“, gibt Frederik zu verstehen: „Ich kann das schon verstehen. Mein Vater hatte eine sehr stark auf Fortpflanzung ausgerichtete Praxis. Das bedeutete konkret, dass er während der Decksaison bis über beide Ohren in der Arbeit steckte. Bis September, und dann stand alles still. Dann kann man schon noch chippen, registrieren und kastrieren. Ich sah die Kluft in seiner Arbeitslast und habe mir deshalb vorgenommen, dass ich nicht nur -Reproduktions-Arzt sein wollte. Ich erledige noch viele andere Aufgaben, und das tue ich bewusst und sehr gern.“ 

13.00 Uhr

Auf die Straße also, und wir sind unterwegs. Oder doch beinahe. Frederik checkt eben noch seine Agenda in seiner Geschäftsstelle, wo er schon seit sieben Jahren aktiv ist.  

Geld, lassen Sie uns darüber sprechen! Frederik schneidet direkt den wunden Punkt an: „Tierärzte werden im Allgemeinen mit vielen säumigen Zahlern konfrontiert, und ich bin da keine Ausnahme. Doch muss ich hinzufügen, dass wir oft selber schuld daran sind. Weil wir den finanziellen und administrativen Aspekt nicht gut genug verfolgen. Um es in einem Verhältnis zu zeigen; 30% bezahlen unmittelbar, 30% bezahlen nach Mahnungen und 30% bezahlen gar nicht. In der letzten Kategorie werden wir konfrontiert mit Scheidungen, Untertauchen, Pleiten. Oder Unzufriedenheit; eine Stute wird nach wiederholten Versuchen doch nicht tragend und in der Folge wird die Rechnung nicht bezahlt. Wissen Sie, was unsere große Schwierigkeit ist? Wir sind medizinisch und wissenschaftlich geschult, aber vom Management haben wir keine Ahnung. Umgang mit Mitarbeitern, Kunden, Service, Organisation, Administration, da müssen wir selbst dahinterkommen. Zum richtigen Verständnis, das soll jetzt kein Klagelied sein, aber jede Medaille hat zwei Seiten.“     

13.15 Uhr

 Unterwegs hat  Frederik gestern einem lahmenden Fohlen Blut abgenommen. Er hat es gleich untersuchen lassen. „Ich hoffe, dass es traumatisch ist. Aber ich fürchte, dass es eine Entzündung der Gelenke ist. Dann ist es wirklich nicht gut. Ich fahre gleich zurück, aber ich habe Angst vor dem Ergebnis der Blutuntersuchung. Leben zu erschaffen ist schön, aber wir werden eben auch oft mit kranken Fohlen und Pferden konfrontiert.“ 

 

Frederik ruft den Züchter schon mal an und sagt, dass er noch kein Ergebnis der Blutuntersuchung hat und dass er sowieso gleich vorbeikommt, wenn das Resultat des Labors da ist.

13.30 Uhr

Wir beginnen mit unserer Runde. Unser erster Patient wurde bei einem Rinderhalter geboren. Wir sehen viele Kälber und einen  Stallgang mit Pferden. Ein Jährling keucht und ringt nach Luft. Man braucht kein Tierarzt zu sein, um festzustellen, dass dieser Jährling sichtlich Atemwegsprobleme hat. Der behandelnde Tierarzt hat von Frederik eine zweite Meinung erbeten, der mit seinem mobilen Röntgengerät eine bessere Diagnose stellen kann. Wir sehen eine Zyste auf Höhe der Sinusse. Vermutlich ist ein falsch gewachsener Zahn die Ursache der Entzündung. Nur eine Operation kann da Abhilfe schaffen. Frederik erklärt die Optionen und zählt die Kliniken auf, wo der Patient hin kann. Es ist drückend warm, und das muss man beim Transport eines kurzatmigen Patienten berücksichtigen. Doch ist dies ein Notfall. Man sieht die Enttäuschung und Verzweiflung im Gesicht des Züchters. 

13.30 Uhr       Die Aufnahmen weisen auf das Problem hin.

Wir verlassen den Hof…. „Das ist bitter“, ist die erste Reaktion von Frederik: „Wenn er seinen Jährling nicht operieren lässt, stirbt er. Wenn er operiert wird, ist das Übel behoben. Aber da hängt schon ein Preisschildchen dran. Und das wird ungefähr der Kostenbetrag des Eingriffs sein.“ Der Züchter fragt um Rat und informiert sich um den Preis. In den folgenden Stunden wird Frederik mehrfach mit diversen Tierkliniken telefonieren, bis er einen Richtpreis hat. Das ehrt ihn. Er ruft an und bleibt dabei, bis er einen Richtpreis hat. „Das ist meine Aufgabe, meinen Kunden beizustehen und sie zu begleiten.“ Wird der Züchter seinen Jährling ökonomisch oder emotional beurteilen? 

 Unser Reporter geht beim Röntgen zur Hand.

Und wie sieht Frederik das? „Ich versuche, es mit den Augen meiner Kunden zu sehen und gehe mit ihnen alle Möglichkeiten durch. Ich habe Verständnis, wenn der Züchter den Eingriff zu teuer findet und deshalb darum bittet, sein Fohlen einzuschläfern. Schauen Sie, der Mann zieht Kälber groß. Das ist sein Broterwerb. Das impliziert, dass er ökonomisch über das junge Leben nachdenken muss. Sonst ist sein Stall nicht rentabel. Wenn man für ein Kalb einen Betrag x bekommt, und der Eingriff kostet mindestens genauso viel, wird die Entscheidung ökonomisch schnell getroffen sein. Dann gibt es keinen Eingriff. Diese Entwicklung sehe ich heutzutage auch in der Pferdezucht. Es gibt mehr und mehr professionelle Zuchtbetriebe. Das merke ich an der steigenden Zahl von BTW-Nummern, und die Fohlen aus diesen Betrieben müssen sich gleichermaßen rentieren. Rational und emotional mit seiner Zucht und seinen Fohlen umzugehen ist eine schwieri  Balanceübung, und machen das Ganze weniger schön“, stellt Frederik fest.

14.00 Uhr

Wir fahren zur nächsten Verabredung, und unterdessen schickt Frederik die Röntgenbilder des Jährlings zu zwei flämischen Kliniken. Er ruft an, erläutert die Problematik und fragt nach einem geschätzten Preis. Sie rufen zurück, der Eingriff soll zwischen 2.000 und 3.000 € liegen. Frederik ruft seinen Kunden an. Er muss darüber nachdenken.

14.15 Uhr

Wieder läutet das Telefon. Ein Kollege. Frederik hat vor einigen Jahren ein junges Pferd gescreent. Es gab einige Anmerkungen. Um nicht zu sagen, dass es krank und nicht für den Sport geeignet war. Der Besitzer verkaufte das Pferd doch, ohne vom medizinischen Protokoll zu berichten. Nun wurde das Pferd erneut verkauft, und es wurde dabei erzählt, dass die Bilder gut seien. „Tja, womit befassen wir uns dann hier“, seufzt Frederik: „Ein Verkäufer erzählt nicht immer alles. Und bei einer Ankaufsuntersuchung treiben Händler gern und dankbar Missbrauch mit der Untersuchung, um den Preis zu drücken. Selbst wenn eine Abweichung keinen Einfluss auf die sportlichen Leistungen hat.“

14.30 Uhr

Wir fahren durch Haspengouw und Hageland. Wir kommen bei einem großen Gestüt mit Fünfsterne-Sportstall an, der von Apfel- und Birnbäumen umgeben ist. Ein junges Pferd von drei Jahren, gerade angeritten, bekam möglicherweise einen Tritt, mit einem Hämatom oder Bluterguss als Folge. Frederik schneidet ihn auf und lässt das Blut ablaufen. Wo wir gerade hier sind, werden noch ein paar Stuten geschallt. Er überlegt mit der Chefin, einige Stuten rossig zu spritzen. „Das machen wir, um den Zyklus der Stuten besser einschätzen zu können, mit besseren Trächtigkeitsraten als Folge.“ 

14.30 Uhr        Die Behandlung eines Hämatoms; für das Blut wird eine Drainage gelegt.

15.15 Uhr

„Ich bin gern unterwegs, denn so hält man den Kontakt zu seinen Kunden, und das finde ich sehr wichtig. Ich könnte umgekehrt keinen ganzen Tag in meiner Praxis sitzen. Sie haben es heute Morgen gesehen, das ist ein Kommen und Gehen von Pferden, und wenn ich nicht kurz die Kurve kriege, empfinde ich das als Fließbandarbeit. Ich mache meinen Job gern. Zu den Menschen zu Hause hat man auch eine andere Beziehung, denn man nimmt sich Zeit für einander. Die Kunden wissen das, mit dem Ergebnis, dass ich nach der Decksaison auch wegen anderer ambulanter Interventionen gefragt werde. Dann beginnen die Körungen der jungen Pferde, Kastrationen, ambulante Eingriffe, nennen Sie das nur. Das mache ich mit Sicherheit ebenso gern.“  Diese Formel wirkt, Frederik wurde ursächlich nur für ein Hämatom gerufen. Er kontrollierte verschiedene Stuten, und diesen Abend kommen einige davon in seine Praxis zur Besamung.

Stutenkontrolle vor Ort.

Der folgende Kunde wird angerufen, ist aber nicht zu Hause. Frederik trifft nie feste Verabredungen. „Ungemachte Arbeit“, lacht er: „Man kommt irgendwohin für Problem x und wird danach noch für Problem y und z angesprochen. Man weiß vorab nie, wie lange man irgendwo bleibt. Die Kunden stehen auf dem Plan, und in Abhängigkeit von meiner Route rufe ich an, um sie zu fragen, ob es passt.“   

15.30 Uhr

Frederik kontrolliert rasch seine Liste. Ein Pony auf unserer Route muss geimpft werden. Er ruft an, sind Sie zu Hause? Ja, kommen Sie doch vorbei. Eine Viertelstunde später hat das Pony seine Spritzen bekommen und ist entwurmt. Auf zum nächsten Patienten.

16.00 Uhr

Vergangene Nacht wurde ein Fohlen geboren. Die Mutter bekam Fieber, und Frederik wurde angerufen. Es war um Mitternacht herum. Er war noch unterwegs und kam vorbei. „In so einem Moment kann man nicht bis morgen warten, denn dann ist das Kind in den Brunnen gefallen.“ Wir halten rasch, um die Mutter zu untersuchen, und nutzen die Gelegenheit, die Antikörper des Fohlens zu kontrollieren. Die erhält das Fohlen in der Regel über die Biestmilch. Es kann vorkommen, dass die Mutter zu wenig Biestmilch hat, oder dass das Fohlen zu wenig Biestmilch getrunken hat. Daher ist ein Fohlentest angezeigt. Das geschieht auch immer öfter routinemäßig. Wenn ein Fohlen zu wenig Antikörper hat, erhöht das die Gefahr von Infektionen. Für ein Fohlen hat das oft fatale Folgen. Man kann das Übel abwenden, indem man Plasma mit den fehlenden Antikörpern verabreicht. Der Test kostet  50 €, die Behandlung mit Plasma 400 €.

16.00 Uhr        Blut abnehmen für eine Kontrolle der Antikörper.

Der Fohlentest ist ein Schnelltest, ein Tröpfchen Blut, und warten, ob die richtige Farbe erscheint. Ob wir beim Abwarten nicht etwas trinken möchten, fragt die Frau des Hauses. Etwas Kühles gern. Sie holt ein Tönissteiner. „Da ist doch kein Zucker drin“, ist die erste Frage von Frederik! „Ach ja, ich habe mit dem Rauchen aufgehört und daraufhin zehn Kilo zugenommen. Und die will ich wieder loswerden.“

Unser Schnelltest lässt auf sich warten, aber auf uns wartet auch noch eine andere Aufgabe. Eine alte Stute von 28 Jahren kann nicht mehr. Sie steht noch und stolpert nach draußen. Zwei Injektionen und 20 Sekunden später ist die alte Stute nicht mehr auf dieser Welt. „Euthanasie ist immer besser, als die Tiere leiden zu lassen“, sagt Frederik, der in diesem Zusammenhang viele schreckliche Bilder sieht: „Ich verstehe, dass es schwierig ist, Abschied zu nehmen, und dass es vielleicht noch schwerer ist, ein bestimmtes Datum auszuwählen. Aber es hinauszuschieben ist schlimmer, als sich zu entscheiden. Wir sprechen da von unnötigem Leiden. Das muss den Menschen auch bewusst sein.“

In demselben Stall wird in einer Zeitspanne von 12 Stunden Leben geboren und Leben geht zu Ende. Frederik wurde heute Morgen um 04.30 Uhr angerufen, es gab eine Komplikation bei der Geburt. Das Fohlen kam hervor, in einer Fruchtblase, die aber sichtlich nicht die weiß-rosa Farbe zeigte. Das war falsch und akut gefährlich. Dank Whatsapp erhielt Frederic Fotos der Situation und begleitete den Züchter bei der Geburt. Es handelte sich um eine ‚red bag delivery‘, die durch eine vorzeitige Ablösung der Plazenta verursacht wird. Das Fohlen erhält über die Plazenta Sauerstoff. Wenn diese Versorgung abgeschnitten wird, erhält das Fohlen keinen Sauerstoff mehr und kann ersticken. Schnelles Eingreifen ist angesagt. Diese Fruchtblase muss aufgeschnitten werden. Das Fohlen hat es gut geschafft, bei der Mutter ist das Fieber gesunken, und der Schnelltest zeigt, dass das Fohlen ausreichend Antikörper hat.

    ‚Red bag Delivery’, zum Glück kam der Züchter rechtzeitig hinzu.

16.45 Uhr

Frederik sagt lachend, dass er schon einen kulinarischen Führer über die belgischen Pitabars schreiben könnte. Vielleicht muss er auch noch ein Diätbuch schreiben; „Wie nimmt man mit  Tönissteiner & Pita zehn Kilo ab“.

17.00 Uhr

Wir eilen zum nächsten Patienten, nach einer kurzen Essenspause von keiner halben Stunde. Kurz mal rekapituliert: Frederic war gestern Nacht um 01.30 Uhr zu Hause. Erhielt um 04.30 Uhr einen Notfallanruf mit einem Fohlen in einem ‚red bag‘. Um 08.00 Uhr fuhren wir zur Praxis. Der Tag wird nach Mitternacht enden. In der Decksaison ist etwas mehr los, merkt  Frederik an. Wie lange hält man das aus, frage ich mich? „Nicht jeder ist dafür gemacht. Es gibt Tierärzte, die abends und am Wochenende ihr Telefon abstellen. Ich kann das nicht. Mich kann man immer anrufen.  Und ja, das ist mental und beziehungstechnisch sehr belastend. Nicht, dass ich so viele Partnerinnen gehabt hätte, aber die meisten Frauen liefen mir weg, weil sie mein Leben nicht ab konnten. Und ich verstehe das. Ich bin nicht viel zu Hause. Eigentlich muss meine Liebste mich so gern haben, dass sie mich gar nicht sehen muss.“ 

„Wissen Sie, wenn man nachts aus seinem Bett geklingelt wird und einem Fohlen das Leben retten kann, gibt einem das sehr viel Befriedigung. Daraus ziehe ich Kraft.  Die braucht man auch, um Rückschläge zu verkraften. Die gibt es nämlich auch. Wissen Sie, wer mir immer sehr viel Kraft gegeben hat? Herr Melchior. Wegen seines Drive und seiner Tatkraft. Er war ein Visionär. Deshalb habe ich immer mit viel Bewunderung auf ihn gesehen. Gleichzeitig hatte ich immer ein wenig Angst vor ihm. Seltsam, was? (schmunzelt). Das rührte auch daher, dass er einen immer auf Trab hielt. Und er testete einen konstant aus. Der Jugend gehört die Zukunft, argumentierte er, und ich erhielt dann auch die Chance, meinem Vater zu folgen. Ich habe unter Herrn Melchior gelitten (schmunzelt)….Als ich gerade angefangen hatte, kam er vorbei und fragte, wie es ginge. Sie werden gut voll (tragend), antwortete ich. Du bist noch voll von dir selbst, war seine Reaktion. Als ich beim nächsten Mal dieselbe Frage erhielt, war ich mit meiner Antwort vorsichtiger: ‚Es geht etwas mühsamer, und ich bekomme nicht jede Stute voll‘… ‚Was!?! Wieso nicht voll? Ich bezahle dich doch, um sie voll zu kriegen!‘ Heute kann ich darüber lachen, aber in der Anfangszeit musste ich dann doch schwer schlucken. Er piekte dich konstant an. Ich erinnere mich noch, dass er mit seinem Range Rover vorbeifuhr. Fenster runter; ‚Du weißt doch, weshalb du hier arbeiten darfst?‘ ‚Äh, nein, Herr Melchior…‘. ‚Weil du mit Stress umgehen kannst‘. Fenster hoch, und weg war er. Ich weiß nicht, ob ich denselben Drive habe wie Herr Melchior, doch ist er wohl ein Vorbild, an dem ich mich immer gemessen habe.“

Während unserer Runde durch Flandern wird Frederik regelmäßig angerufen und um Rat gefragt. Was halten Sie von Hengst X, Y, Z….. Jeder Hengst hat seine Plus- und Minuspunkt…etc…. höre ich Frederik erklären. Es klingt wie eine schwierige Gleichgewichtsübung. Frederik bestätigt: „Ich mache das nicht gern. Wer bin ich, um zu einem Hengst zu- oder abzuraten? Einen neutralen Rat zu geben, finde ich furchtbar schwierig. Man muss sich die Stute anschauen… ja, das ganz bestimmt. Oder man muss sich die Kombination anschauen. Auch richtig. Aber was ist das, die richtige Kombination? Und das Allerwichtigste, was alle Züchter vergessen, ist die Rittigkeit. Ich kann das nicht einschätzen, denn ich bin kein Reiter, und das gilt gleichfalls für die meisten Züchter.“  

Das Problem wird mit einer Salbe gelöst.

17.30 Uhr

Unsere folgende Visite führt uns zu einem Jährling, der lustlos auf der Weide steht. Er hat keinen  Appetit und zeigt Fieber. Frederik ist gestern dagewesen und kontrolliert aufs Neue. Ein Problem mit der Verdauung? Das Pferd wird noch einmal untersucht und erhält wieder Medikamente. Morgen werden sie wieder anrufen bezüglich der Entwicklung und ob die Behandlung anschlägt.

17.45 Uhr

Wir fahren weiter zu einem Züchter mit zwei Fohlen. Eines kann ein Bein nicht belasten. Alles weist auf Fohlenlähme hin, eine Infektion der Gelenke. Frederik verfolgt es schon einige Tage und fürchtet das Schlimmste. „Wenn wir nichts machen, stirbt es womöglich. Das Einzige, was wir tun können, ist operieren. Das kostet dann wieder einige tausend Euro, ohne Garantie. Das sind herzzerreißende Entscheidungen. Und von mir wird zugleich erwartet, dass ich den Menschen bei ihrer Entscheidung beistehe. Ich habe gar kein Problem damit, ein Pferd von seinem Leiden zu erlösen. Aber ein Fohlen einzuschläfern, bleibt auch für mich schwierig. Allemal, weil ich mich dann immer wieder auch selbst in Frage stelle; war meine Diagnose richtig, das Timing, die Behandlung? Habe ich im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen? Es bleiben oft unbeantwortete Fragen, und die trage ich mit mir in meinem Rucksack. Jeder Arzt, jeder Chirurg hat seinen eigenen Friedhof. Das ist die harte Realität.“     

Die Familie, Vater, Mutter und Tochter, stehen angeschlagen daneben. Sie begreifen, dass das Damoklesschwert über ihrem Fohlen hängt. Es sind noch echte Hobbyzüchter mit Liebe und Leidenschaft für ihre Stute und ihr Fohlen. Sie sind sich des Ernstes und der wahrscheinlichen Aussichtslosigkeit der Situation klar bewusst, und das  geht  ihnen ans Herz. Frederik weiß, dass er quasi machtlos dasteht. Wir entfernen uns in aller Stille, und auch die ersten Minuten im Wagen herrscht Todesstille.

18.15 Uhr

Die Pflicht ruft. Wir halten bei einem jungen Reiter an, der seit noch nicht so langer Zeit seinen eigenen Sportstall aufbaut. Ein vielversprechender Sechsjähriger biegt sich mühsam nach links. Das ist zumindest das Gefühl des Reiters. Es gibt Interesse für den Handel, aber er will Sicherheit. Das Auge von Frederik bemerkt nichts Abweichendes; nicht auf der Volte, noch auf hartem oder weichem Boden. Das mobile Röntgengerät wird vorbereitet. Die Aufnahmen weisen auf eine minimale Abweichung hin, die eine Erklärung sein könnte.  Frederick schreibt eine experimentelle Behandlung vor. In einigen Wochen gibt es eine neue Konsultation.

18.15 Uhr        Kontrolle eines Sportpferdes.

18.45 Uhr

Von Lummen fahren wir nach Zangersheide. Es ist 19.20 Uhr. Heute früh arbeitete seine Kollegin Marieke in Lanaken. Die Stuten, die jetzt noch kontrolliert werden müssen, sind von Zangersheide oder von Z-Züchtern und werden durchschnittlich zweimal pro Tag gescreent. Wir kontrollieren noch eine Reihe Stuten, einige können gedeckt werden, der Rest kommt morgen früh wieder herein.  

18.45 Uhr        Die Stuten warten im Wartesaal geduldig auf den Besuch des Doktors.

19.30 Uhr

Eine gute halbe Stunde später verlassen wir Lanaken und nehmen Kurs auf Moerbeke für eine Ankaufsuntersuchung. Eine lange Fahrt, und Frederik hat so etwas wie einen Familienmoment. Es lebe die Technik! Er hat aus seinem Wagen Kontakt zu seinen beiden Söhnen. Zumindest über die Verbindung zu den Kameras, die rund um sein Haus stehen. Er sieht sie spielen und herumtollen, aber das Erste, was auffällt, ist ein unbekanntes schwarzes Auto auf der Auffahrt. Wer ist das? Keine Panik, Frederick, das ist mein Auto, und ich sitze neben dir. Er lacht, uff… ach so. wir fahren weiter, mit einem Auge auf der Schnellstraße und dem anderen auf seiner Familie.  

Was für ein virtueller Familienmann, dieser Frederik. Und wieder klingelt das Telefon. Marieke überfliegt mit ihm die behandelten Stuten dieses Tages.

Schönen Abend noch, Marieke, und da ist jemand Neues in der Leitung. Eine Kolik? Ich schicke gleich einen Kollegen, denn ich fahre gerade durch Antwerpen. Hallo Ine, ein Kunde hat einen Koliker, kannst du anrücken? Vielen Dank. Es bleibt ruhig am Telefon, und Frederick erzählt gern von seiner nie endenden Suche nach Erneuerung und Verbesserung.  

21.30 Uhr

Ein Israeli kaufte einen jungen Hengst und bat Frederik, ihn vor dem definitiven Kauf zu untersuchen. Es ist inzwischen 21.30 Uhr. Blutproben und Abstriche werden genommen, ebenso wie eine Reihe Aufnahmen und Videos von den drei Gangarten auf der Volte und auf hartem Boden. Das nimmt mehr als eine Stunde in Anspruch. Wir sprechen noch mit dem Verkäufer, und gegen 22.45 Uhr fahren wir ab. Ja, es ist spät, aber das hat auch seine Vorteile. Noch nie so flott über den Ring von Antwerpen gefahren. An der Tankstelle von  Ranst hält Frederik ein letztes Mal. Jetzt will ich ein Glas Bier, lacht Frederik! Sie auch? Natürlich, ich fahre ja nicht. Und wir fahren heimwärts.

21.30 Uhr         Eingehende Kontrolle für eine Ankaufsuntersuchung.

00.30 Uhr

Es ist wieder nach Mitternacht, als Frederik nach Hause kommt. Seine Frau schläft schon. Zum Glück hat er seine Kinder vorhin noch gesehen. Buchstäblich auch nicht mehr als gesehen. Und jetzt hoffen wir, dass er diese Nacht nicht geweckt wird durch eine beunruhigende Geburt oder einen dringenden Eingriff. Unsere  Energie ist verbraucht…     

 

Wie ist es mit unseren Patienten weitergegangen?

Einige Tage später sondierten wir bei den Patienten. Wie ist es ihnen ergangen?

Die Familie mit dem kranken Fohlen stand mit Tränen in den Augen da, als sie die Diagnose Fohlenlähme hörte. Die Situation sah anfangs aussichtslos aus, und jeder Entschluss war sowieso schwierig. Es war eine Abwägung zwischen Emotion und Ratio. Dank der Medikation ist der Zustand des Fohlens jetzt stabil. Die Situation hat sich nicht verschlechtert, aber ebenso wenig signifikant verbessert. Sie werden ihm eine Chance geben. 
Das Fohlen mit den schiefen Zähnen, die die Sinusse schwer irritierten, mit schlimmer Kurzatmigkeit als Folge, wurde am frühen Morgen vor dem Stau in eine Universitätsklinik gebracht und operiert. Die Operation war erfolgreich. Das Fohlen kann wieder normal atmen und verbleibt nun in der Reha-Abteilung der Universität, wo es vermutlich von zahlreichen Tiermedizinstudenten bestens umsorgt wird.
Das vierjährige Sportpferd, das von einem schnellen Tritt ein Hämatom behielt, erholt sich gut. Das Blut wurde drainiert, die Nachbehandlung wirkte gut, und das Pferd ist wieder in Arbeit genommen. 
Die Stute, die nach ihrer ‚red bag delivery“ Fieber bekam, ist von ihrer Schwergeburt vollständig genesen.  
Der lustlose Jährling, der nicht fressen wollte und mit Fieber auf der Weide stand, wurde in eine Tierklinik gebracht, wo Grass Sickness festgestellt wurde, eine bakterielle Infektion, die verursacht wird durch bestimmt Futterbestandteile, die das Pferd beim Grasen aufnimmt. Hierfür gibt es keine Behandlung. Das Pferd wurde in der Klinik eingeschläfert.
Der letzte Kunde unseres langen Tages war ein Pferd, das nach Amerika verkauft werden sollte. Aber es musste erst untersucht werden. Der Käufer war durch die Vollständigkeit des Ergebnisses angenehm überrascht. Das bewusste Pferd steht momentan für den Transport in Quarantäne.

 

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