Hilfe! Ich habe ein Fohlen….

Jippie, hurra, ein Wunder ist geschehen! Meine Stute ist tragend. Und jetzt? Trust me I’m a doctor: Marieke Hermans; Tierärztin bei Equivet mit einem gesunden Interesse und umfassenden Kenntnissen und Erfahrungen in Gynäkologie und Geburtshilfe. Seien Sie froh, in neun von zehn Fällen arbeitet Mutter Natur vortrefflich mit. Aber was ist, wenn Sie zufällig das eine Fohlen haben, das Beistand braucht? Wir gehen mit Ihnen den Verlauf einer Geburt durch, Marieke ist unser Guide und wird uns durch die elf Monate und zehn Tage leiten.

Für den Züchter beginnt das Abzählen. Aber ab wann? Marieke rechnet. “Es ist verständlich, dass der Züchter bei der Geburt dabei sein will, und zum Glück liefert die Natur in 90 bis 95% gute Arbeit. Dabei zu sein, reicht meistens aus. Wenn es allerdings schief geht, dann geht es unglücklicherweise meistens richtig schief, und dann zählt jede Minute.” Wann ist es soweit? Marieke gibt es zu; es ist nicht anders als beim Menschen. Man kann keinen exakten Tag oder ein exaktes Datum festlegen. Die durchschnittliche Trächtigkeitsdauer beträgt 340 Tage. Also im Durchschnitt! Doch sollte man nicht blindlings auf dieses Datum starren. Gute zwei Wochen nach der Befruchtung wird kontrolliert, ob die Stute tatsächlich tragend ist. “Viele Züchter fangen von diesem Datum an zu zählen, doch es zählt natürlich das Datum der Befruchtung, nicht der Bestätigung”, merkt Marieke an. “Es können normale gesunde Fohlen zwischen dem 300. und 400. Tag geboren werden. Um das Datum noch besser einschätzen zu können, muss man neben dem Zählen auch die äußeren Kennzeichen seiner Stute einschätzen. Das wichtigste äußere Kennzeichen ist das Euter, das zwei bis drei Wochen vor der Geburt anzuschwellen beginnt. Logisch, denn das bedeutet, dass die Milchproduktion in Gang gekommen ist. In dem Moment, wo man Milch Tröpfchen wahrnimmt, kommt in der Regel binnen 24 bis 48 Stunden ihr Fohlen. Zum besseren Verständnis: Wir reden hier allemal von Hinweisen. Letztlich bestimmt die Natur die Geburt. Es gibt Stuten mit kleinen Eutern, bei denen keine Milch Tröpfchen sichtbar sind und die doch fohlen. Umgekehrt gibt es auch Stuten, die schon eine Woche die Milch fließen lassen und noch nicht gebären. Wir können nur Richtlinien mitgeben und Mittelwerte feststellen.”  

Herpes, der lautlose Killer!

Zum Glück sind wir schon beim Stadium der Geburt. Vorab ist es angeraten, seine Stute gegen Herpes-Rhinopneumonie impfen zu lassen. Marieke empfiehlt das bei jeder tragenden Stute: “Herpes ist ein schlimmer Übeltäter; Aborte, Frühgeburten, schwache und kranke Fohlen. Es ist richtig, dass die Impfung nicht 100% wirksam ist. Absolute Sicherheit bekommt man nicht, aber sie erhöht die Widerstandskraft und verkleinert das Risiko. Mindestens ebenso wichtig ist, dass man als Züchter seine tragenden Stuten von den Sportpferden trennt. Sportpferde gehen aufs Turnier und können von da das Virus mitbringen und auf deine Stuten übertragen. Es ist immer besser, wenn die Zuchtstuten mehr oder weniger in Quarantäne stehen. Also nicht bei den Sportpferden und ebensowenig bei den jungen Pferden, weil die viel anfälliger für Infektionen sind. Wenn es logistisch unmöglich ist, die Gruppen zu trennen, so ist es angeraten, den gesamten Stall zu impfen. Das gilt in Erweiterung für jede Impfung. In der Regel werden die Stuten während der Trächtigkeit geimpft, im fünften, siebten und neunten Monat.”

Diese Rhinopneumonie wird vom Equinen Herpes Virus (EHV) verursacht und ist für Züchter  dramatisch, wenn die Stute durch eine Ansteckung ihr Fohlen verliert. Bei der Grippevariante zeigt ein EHV-infiziertes Pferd einige Symptome wie Husten und/oder Nasenausfluss, dicke Beine und wechselnde erhöhte Temperatur. Leider zeigt eine tragende Stute mit einem EHV-Infekt kein einziges Symptom. Es gibt also keinen einzigen Hinweis, der auf die Anwesenheit von EHV hindeutet. Die tragende Stute trägt das Virus in sich und infiziert das Fohlen. Die dramatische Folge ist, dass sie ihr Fohlen zwischen dem siebten und achten Monat abortiert. Tatsache ist, dass die Stute nichts davon sehen lässt und sich auch nichts anmerken lässt. Eines Morgens liegt das Fohlen tot im Stall. Oder es wird zu früh geboren. Ein Fohlen kann also noch lebend geboren werden, doch wird es so schwach sein, dass es durchweg nach einigen Tagen doch versterben wird. Man kann es eventuell für besondere Pflege in eine Pferdeklinik bringen. Eine Autopsie ist ratsam, um die wirkliche Ursache herauszufinden. Herpes ist ein leiser Killer. Die Regel bleibt, dass ihr Stall geimpft werden muss, zweimal im Jahr, die tragenden Stuten dreimal während der Trächtigkeit.

Angepasste Nahrung?

Das ist nun geregelt. Was ist mit der Fütterung? Ist eine angepasste Ernährung richtig? Marieke nickt zustimmend: “Die ersten Monate ernährt man seine tragende Stute wie jedes andere Pferd. Das bedeutet auch entwurmen wie jedes andere Pferd, Weidegang und Fütterung wie zuvor. Der Hufschmied, der Zahnarzt, lasst sie nur machen. Eine Stute muss sich wohl fühlen. Man muss wirklich nicht vom täglichen Ablauf abweichen. Sogar Reiten geht bis zum neunten Monat. Eine schwangere Frau geht doch auch arbeiten, oder? Unter Reiten verstehen wir einen Ausritt im Gelände, kein Turnier! Erst in den letzten vier Monaten hat die Stute einen erhöhten Energiebedarf. Eine gute reichliche Weide bleibt die ideale Nahrung. Wenn man die nicht hat, kann man Raufutter und Heu von guter Qualität zufüttern. Es gibt spezielle Stutenfutter auf dem Markt, die etwas mehr Eiweiß und Zucker enthalten. Diese Wahl überlasse ich dem Züchter. Das Wichtigste ist, dass zugefüttert wird, wenn es nötig ist. Eigentlich ist es immer eine Frage des gesunden Verstandes. Die eine tragende Stute braucht mehr Energie als die andere. Und das sieht man recht schnell. Sicherlich, wenn sie plötzlich auffallend abmagert.   

Beobachtung

Die eigene Stute zu beobachten ist die erste und wichtigste Diagnose. Marieke weist auf einige Gefahren hin, die unmittelbar eine Warnlampe angehen lassen; “Das Euter muss man immer im Auge behalten. Wenn das nach acht oder neun Monaten schon tropft, ruft man am besten den Tierarzt an, und das macht man auch bei vaginalem Ausfluss. Frühzeitige Milch und Ausfluss sind zwei wichtige Alarmsignale, die man nicht sehen darf, und wenn man sie sieht, ist immer etwas nicht in Ordnung. Das kann eine Folge von Zwillingen sein oder von einer Gebärmutterinfektion. Ihr Tierarzt kann dann eine Behandlung einleiten. Wenn die Stute frühzeitig die Biestmilch laufen lässt, kann man nichts dran tun. Auch Tierärzte können nichts geben, um die frühzeitige Produktion zu stoppen. Die goldene Regel heißt, vom Euter weg zu bleiben. Bei frühzeitiger Milchproduktion kann man Züchterkollegen anrufen und fragen, ob sie extra Biestmilch haben. 

Auszählen

Pralle Euter und Milchkegel, die Ankunft kündigt sich an. Das Auge des Züchters wird gleichfalls bemerken, dass die Hinterhand etwas locker erscheint, oben am Becken und hinten an der Vulva wird alles etwas schlaffer. Unter dem Einfluss von Hormonen wird alles etwas weicher, sodass der Körper beim Abfohlen nachgeben kann. Neben dem Schweif kann man das perfekt fühlen. Wir wissen auch, dass dies bei Leihmüttern immer schwieriger wahrzunehmen ist. Züchter kennen durchweg ihre Stute, eine Leihmutter ist jedes Jahr neu und demzufolge schwieriger einzuschätzen.  

Scheidenplastik

Ein nicht wenig bedeutsames Detail ist die Scheidenplastik oder das Zunähen, berichtet Marieke: “Beim Besamen stellen wir fest, dass manche Stuten ‘Luft ansaugen’, weil die Vagina im Vergleich zu ihrem Beckenboden zu hoch liegt. Die vernähen wir dann in der Folge, denn Luft ansaugen bedeutet Bakterien ansaugen, wodurch eine Gebärmutterinfektion verursacht werden kann. Die vernähte Vulva muss zwei Wochen vor dem vermuteten Geburtstermin wieder geöffnet werden. Das Aufreissen der Vulva kann viele Komplikationen verursachen.  

Alarm

Um den Moment der Geburt nicht zu verpassen, gibt es einige Hilfsmittel, die man plusminus eine Woche vor dem vermutlichen Geburtstermin anbringt. Doch warnt Marieke sogleich, dass man darauf nicht blind vertrauen darf. Der Geburtsmelder gibt Alarm, wenn die Stute sich hinlegt. Einerseits gibt es, wenn auch nicht viele, so doch Stuten, die stehend fohlen, andererseits gibt solch ein Geburtsmelder oft auch falschen Alarm. Das System wird mit einer Kamera kombiniert. Bei Alarm bekommt man ein visuelles Bild auf sein Smartphone und kann die Situation gleich einschätzen. Es gibt auch ein gleichartiges System in Form eines Halsbands.

Ein teureres und effizienteres System ist ein Kästchen mit einem Magnet, das an der Vulva befestigt wird. Wenn die Geburt in Gang kommt, erweitert sich die Vulva und der Alarm geht los. Man erhält weniger falschen Alarm, es sei denn, dass die Stute ihr ‘Kästchen’ gegen die Wand scheuert, das worst case scenario. Das ist effizient, aber es hängt ein Preisschildchen dran: Ungefähr 1.300 Euro ohne Mehrwertsteuer. Die meisten Züchter, die sich das anschaffen, haben mehrere Stuten, für die man dann zusätzliche Magnete für ungefähr 200 Euro das Stück kaufen kann. Darüber hinaus ist dieses System wiederverwendbar. “Man kann das aber auch nur verwenden, wenn man an seinem Stall wohnt, denn wenn der Alarm ausgelöst wird, hat man kaum noch Zeit, sich eine Hose anzuziehen”, weiß Marieke.

Die Abfohlbox

Marieke Hermans gibt die idealen Bedingungen zum Gebären wieder: “Ein Stall von fünf mal vier Metern ist wohl eine Mindestgröße. Die Stute muss ruhig und entspannt liegen können, und man muss als Züchter auch noch drankommen. Ein rutschhemmender Boden ist absolut notwendig. Das klingt wie selbstverständlich, aber es gibt Züchter, die eine blitzblanke  Abfohlbox vorsehen. Hygiene ist wichtig, aber es ist nicht das Ziel, die Abfohlbox vollständig auszumisten. Denn was hat man dann, einen Stall proppevoll mit frischem Stroh oder Spänen. Mit den besten Absichten, aber so macht man den Boden glatt. Sehr gefährlich für ihre Stute und deren Fohlen. Ein Misthaufen ist genausowenig eine Option, aber es darf, oder besser muss eine Lage Mist als Bodendecker liegen. Man sollte einen Tiefstall mit ausreichend frischem Stroh anstreben. Stute und Fohlen dürfen nicht auf dem Beton liegen. Fohlen haben eine sehr feine Haut und bekommen demzufolge sehr schnell Wunden. Es ist auch wichtig, dass es ruhig ist. Manche Stuten halten sich zurück, wenn zuviel Unruhe herrscht. Das ist der Grund, warum oft in der Nacht geboren wird. In der Regel ist die Weide nicht schlecht, um zu fohlen; es ist ruhig und man hat guten Boden. Allerdings müssen die Wetterbedingungen es zulassen, es muss eine gute Herde sein, in der Harmonie herrscht, und das Risiko für Unfälle bleibt groß. Die Weide ist nicht ohne Gefahren. Wenn die Stute in der Ecke oder an der Umzäunung fohlt, kann es geschehen, dass das Fohlen unter der Umzäunung durchrollt, wodurch Mutter und Fohlen getrennt werden. Die Risiken sind zu groß, um sie alle dem Zufall zu überlassen. Nichts gegen eine natürliche Geburt auf der Weide, aber ich ziehe doch eine große ruhige Box vor. 

Und... Action!

Marieke stellt rasch ein Fohlenpaket zusammen, bestehend aus einer Bandage für den Schweif, einem Thermometer, Desinfektionsmittel, einer Saugflasche und Handtüchern. Und das Handy nicht vergessen! “Es ist wichtig, dass Sie dabei sind, wenn die Zeit gekommen ist. Einfach um festzustellen, dass alles problemlos abläuft. In diesem Fall sollte man selber nicht dazwischen gehen. Es ist also nicht so, dass man als Mensch per se eingreifen muss, im Gegenteil. Eine Geburt ist das Schönste, was es gibt, nichts ist so herrlich, als zu sehen, wie ein Fohlen geboren wird, die Stute, die sich umschaut und sein erstes Wiehern hört. Es bleibt ein wunderbarer Moment, aber es ist absolut nicht notwendig, dass Sie in diesem Moment Freunde und Nachbarn zusammentrommeln. Lasst die Stute ungestört gebären, in aller Ruhe und seelenruhig.     

Der Moment…

Das Fohlen liegt in zwei Blasen, die Wasserblase platzt als erste. Das Fruchtwasser wird frei und läuft nach außen, gefolgt von der Fruchtblase (wird Fohlenblase oder manchmal auch Fussblase genannt), in der das Fohlen liegt. Die erste Phase, die Wehen, kann bis zu vier Stunden dauern. Wenn es länger als vier Stunden dauert, hat man ein Problem. Das kann eine Folge einer verkehrten Lage des Fohlens sein. Ein anderes Problem ist die ‘red bag delivery’; das Fruchtwasser erscheint nicht und es erscheint buchstäblich ein roter Sack anstelle des normalen weiß-bläulichen Gewebes. Konkret bedeutet dies, dass das Fohlen geboren wird, während der rote Sack noch drumherum sitzt. Diese Komplikation wird durch die vorzeitige Ablösung der Plazenta verursacht. Das Fohlen erhält über die Plazenta Sauerstoff. Bei der vorzeitigen Ablösung der Plazenta wird das Fohlen von der Sauerstoffversorgung abgetrennt. Bei einer normalen Geburt kommt die Plazenta (oder Nachgeburt) nach der Geburt hervor. Wenn man merkt, dass bei der Geburt die zweite Blase noch über dem Fohlen sitzt, darf man sie manuell an der Nase öffnen, sodass das Fohlen atmen kann. In der Regel reißt sie von selbst, wenn nicht, muss man rasch eingreifen. Und dabei beachten, dass man die Nase freimacht. 

Bei einer normalen Geburt dauern die Wehen maximal vier Stunden, in dieser Zeitspanne fließt das Fruchtwasser ab und binnen einer halben Stunde wird das Fohlen geboren. Anders besteht für das Fohlen Gefahr von Sauerstoffmangel. Das ist eine akute Phase. Wenn die Fruchtblase geplatzt ist, muss man nach zehn Minuten die Vorderbeine und die Nüstern sehen. Falls nicht, den Tierarzt anrufen! Alle zehn Minuten muss man einen Fortschritt oder etwas mehr vom Fohlen sehen. Es kann sein, dass man ein recht großes Fohlen erwartet und die Stute ein recht schmales Becken hat. In diesem Fall darf man dazwischen gehen. Man darf dann sachte an den Beinen ziehen. Abhängig von der Situation muss auch stärker gezogen werden, aber dann am besten nach Befragung des Tierarztes. Und nur ziehen, wenn die Stute presst! Wichtig ist auch, dass man nach unten zieht, Richtung Hinterbeine der Stute. Oft bleiben die Hinterbeine noch im Geburtskanal liegen...lass sie da liegen. Das hat die Natur so geregelt. Die Stute fühlt, dass ihr Fohlen noch nicht ganz heraus ist und bleibt also auch noch eben liegen. Nach Ablauf einiger Zeit wird sie sich schon selbst bewegen und verschieben, worauf die Hinterbeine des Fohlens auch herauskommen. Die letzten zehn Zentimeter bekommt sie da auch nicht mehr herausgepresst. Die Natur hat einen Moment Ruhe für Stute und Fohlen eingebaut.      

Willkommen auf der Welt

Nach der Geburt lässt man die Stute ihr Fohlen trockenlecken. So stimuliert und kitzelt sie ihr Fohlen. Lass sie ankommen. Wenn ihre Stute nach einer halben Stunde tatsächlich noch keine Anstalten macht, aufzustehen, ist etwas verkehrt. Auch dann ruft man am besten den Tierarzt. Stute und Fohlen müssen nach der Geburt Kontakt suchen. Wenn die Stute aufsteht, reißt die Nabelschnur. Wenn das nicht der Fall ist, muss man sie mit der Hand abreißen, niemals durchschneiden wie beim Menschen. Das Abtrennen des Nabelstranges kann einfach mit den Fingern 5 bis 10 cm unter dem Nabel des Fohlens erfolgen. Hier fühlt man eine Schwachstelle, die leicht durchreißt. Aber es geschieht eher selten, dass man hier eingreifen muss. Wenn es doch notwendig erscheint, bricht man den Nabel ungefähr fünf Zentimeter unter dem Bauch des Fohlens. Dort befindet sich eine sichtbare Einschnürung. Man sieht und fühlt das. Das ist die Sollbruchstelle.

In der Regel leitet die Stute ihr Fohlen zum Euter. Wenn das Fohlen nicht wirklich steht oder den Weg zum Euter nicht spontan findet, muss man Milch in die Saugflasche abmelken oder dem Fohlen helfen, das Euter zu finden. Wenn die Stute nicht stehen bleibt, diese festhalten und korrigieren, wenn sie nach ihrem Fohlen schlägt. Niemals einem liegenden Fohlen Milch geben. Es muss aufrecht in Brustlage liegen. Es kann auch sein, dass das Fohlen es nicht gleich kapiert, oder dass es das erste Mal für die Stute ist und sie genauso wenig weiß, wie sie es angehen muss. Das Euter kann auch zu prall sein oder es kann sein, dass sie nicht versteht, was ihr geschieht. Das braucht nicht schlimm zu sein und man kann einfach Abhilfe schaffen. Nach zwei Stunden muss ein Fohlen jedenfalls stehen.

Gesundheit

“Babys werden über die Gebärmutter mit Antikörpern aus dem Blut der Mutter geboren. Fohlen werden ohne Antikörper geboren. Daher ist es sehr wichtig, dass sie so schnell wie möglich trinken, und das nennen wir Biestmilch oder Kolostrum. Die Stute bietet die ersten acht bis zwölf Stunden Biestmilch an. Während der ersten sechs Stunden wird das Fohlen eineinhalb Stunden Biestmilch trinken müssen. Danach ist die Darmbarriere des Fohlens für die Antikörper nicht mehr durchlässig, und Fehlmengen können nur noch über eine Infusion mit Plasma in die Blutbahn korrigiert werden. Einige Züchter melken routinemäßig eine Saugflasche ab, um sicher zu sein. Wenn ihr Fohlen unter normalen Umständen aufrecht steht und fast gleich zu trinken beginnt, kann man davon ausgehen, dass es ausreichend Biestmilch trinken wird. Es kann geschehen, dass die Stute nicht ausreichend Biestmilch hat. Im Zweifel kann man nach 18 Stunden das Blut des Fohlens auf vorhandene Abwehrstoffe kontrollieren. Das wird häufig gemacht, es sei denn, ihre Stute hat schon mehrere Fohlen zur Welt gebracht und es hat nie Probleme gegeben, und das Fohlen hat die ersten paar Stunden gut trinken können. Vorbeugen ist immer besser als heilen, ganz bestimmt bei Fohlenkrankheiten.”  

Die Welt erkunden!

Ich bin geboren, stehe gerade und habe getrunken. Darf ich jetzt nach draußen spielen gehen? Marieke ist streng: “Die ersten 24 Stunden würde ich das Fohlen doch drinnen behalten. Abhängig vom Wetter kann es am zweiten Tag die Welt draußen kennenlernen. Man muss auch darüber wachen, dass das Fohlen beizeiten uriniert und Kot absetzt. Ein Stutfohlen binnen 4 bis 6 Stunden, ein Hengstfohlen binnen 12 Stunden. Der erste Kot ist recht hart und muss gut abgehen. Wenn ein neugeborenes Fohlen Koliksymptome zeigt, sofort anrufen! Bei einem erwachsenen Pferd kann man etwas abwarten und mit ihm laufen, nicht aber bei einem kleinen Fohlen.   

Die Nachsorge

Es geht unserem Fohlen gut, aber was ist mit der Stute? Auch sie verdient Nachsorge, erzählt  Marieke: “Die Nachgeburt muss gut abgegangen sein, sprich vollständig, und die verwahrt man in einem Eimer, bis der Tierarzt sie kontrolliert hat. Am besten an einem kühlen Ort. Es ist nicht nötig, sie im Kühlschrank zwischen Gemüse und Früchten aufzubewahren. Die Kontrolle aber ist wirklich notwendig. Wenn die Plazenta nicht vollständig abgegangen ist, besteht das Risiko einer Gebärmutterinfektion, sogar einer Huflederhautentzündung oder Blutvergiftung. Die Mutter darf nach der Geburt nicht mehr als 38,3° Temperatur haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Stute, die gerade Mama geworden ist, zunächst mal nicht frisst. Sie muss sich letzten Endes auch da hineinfinden. Und wir kommen sowieso binnen 24 Stunden für die Fohlenspritze mit extra Antikörpern, worunter Tetanus, und dann machen wir einen Check-up von Mutter und Fohlen. Wir können nach einer einfachen Kontrolle einer Blutprobe des Fohlens eventuell Plasma zuführen, um sein Abwehrsystem zu aktivieren. Ein gesundes Fohlen schläft viel, wird aber auch rasch aufstehen, sich strecken und zu trinken beginnen.

Chippen

Nach der Geburt muss ihr Fohlen korrekt identifiziert werden und erhält einen Chip. Ihr Stammbuch nimmt sich der Identifikation und DNA-Kontrolle an. “Mit dem Chippen braucht man nicht zu schnell zu sein, man sollte dem Fohlen die Zeit geben, ein paar Wochen älter und kräftiger zu werden. Wenn man ein sehr junges Fohlen chippt, geht man ein Infektionsrisiko ein oder einen schmerzhaften steifen Nacken, wodurch das Fohlen nicht gut trinken kann und daher nicht gut wächst.”  

 

Die Klinik für Geburten

Es gibt bei Züchtern einen Trend, ihre trächtige Stute zu einem Zentrum für Geburten zu bringen. Eine gute Idee, findet Marieke Hermans: “Weil ich mir genau vorstellen kann, dass man sich bei einer Geburt nicht wohl fühlt. Mit Sicherheit, wenn es das erste Mal ist. Solange die Natur ihre Aufgabe verrichtet und alles makellos verläuft, ist es eine Wonne, die Geburt mitzumachen.    Umgekehrt ist es buchstäblich lebenswichtig, dass man schnell eingreift, wenn etwas schief geht. Und das verlangt Kenntnisse und Erfahrung. Unsere Erfahrung lehrt uns, dass die Züchter weder die Zeit noch das Können dafür haben. Pferde züchten ist für die meisten Züchter ein Hobby, und bestimmt ist das um den Geburtstermin herum zeitraubend. Deshalb ist ein Geburtszentrum eine gute Alternative. Einerseits, weil sie da auch Zeit haben, andererseits, weil da Menschen arbeiten, die beruflich nichts anderes tun, als Stuten und Fohlen zu begleiten. Sie werden sehen, was ein unerfahrener Züchter nicht sieht, und schnell und adäquat eingreifen, wenn etwas schiefgeht. Das ist logisch, jeder in seinem Metier. Es ist eine gute Entwicklung, dass Menschen züchten und Interesse an der Zucht haben. Die meisten Züchter sind jedoch Amateure mit einem Vollzeitjob. Das ist nicht immer zu kombinieren. Es ist eine Abwägung von Risiken. Ist man als Züchter ausreichend ausgeruht? Wohnt man dicht beim Stall? Kann man immer anwesend sein, wenn die Geburt beginnt? Das sind elementare Fragen, die man sich stellen muss. Und alle Risiken oder Signale, die wir aufgezeigt haben, werden in einem Geburtszentrum sowieso viel schneller bemerkt werden. Wenn man natürlich seine Stute zum Abfohlen immer wegbringt, wird man es als Züchter nie lernen. Doch kann ich mir genau vorstellen, dass Sie sich unsicher fühlen, wenn ihr erstes Fohlen geboren werden muss. Die Zucht ist professionalisiert, es wird in bessere Blutlinien investiert, sie kaufen Spitzenstuten, bezahlen Deckgeld. Es wäre schade, wenn alle diese Anstrengungen und Investitionen durch Unkenntnis oder Unwissenheit bei der Geburt verloren gehen. Das ist überhaupt kein Vorwurf, es ist einfach verständlich, dass Sie der Handgriffe und Reflexe nicht mächtig sind. Ich habe nur gute Erfahrungen mit Geburtszentren. Ich will es niemandem aufdrängen und auch sicher niemandem die Geburt abnehmen, denn das bleibt eine einzigartige Erfahrung. Aber wenn man sich seiner selbst nicht sicher ist, sollte man nicht zweifeln.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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