Moderne Fortpflanzungstechniken: OPU/ICSI

Autor: Frederik De Backer

Wir beschäftigen uns immer wieder mit der Fortpflanzung des Pferdes. Der ganze Bogen von der Feststellung der Rosse einer Stute, der Auswahl des Hengstes, dem Bestellen des Spermas, dem Decken bis zur späteren Trächtigkeitsuntersuchung ist ein Ablauf, der einigen Züchtern besser von der Hand geht als das Ausfüllen ihrer Steuererklärungen. Aber die Steuererklärung hat sich zu einem Online-Service entwickelt, der für den einen so klar wie Kloßbrühe ist, für den anderen aber eine Quelle des Ärgernis‘ darstellt. Und dabei rede ich nur vom Ausfüllen, nicht von dem Betrag, den man hinterher unter dem Strich bezahlen muss.

Kaum vorstellbar, dass die Entwicklung der Fortpflanzung bei Pferden Ähnlichkeiten mit der Entwicklung unserer Steuererklärung haben könnte. Vom natürlichen Deckakt bis hin zur künstlichen Besamung und Tiefgefriersperma, über das Spülen von Embryonen, Klonen und jetzt auch OPU/ICSI.

Als ich noch in Belgien wohnte, erlebte ich diese Entwicklung aus nächster Nähe. Ein Tierarzt / Hengsthalter / Forscher / Pionier sprang damals auf den Zug des Fortschritts auf und bot die Technik des Embryotransfers an. In kurzen Worten; die Stute wird besamt, und nach der Befruchtung, rund 8 Tage nach dem Decken, wird die Gebärmutter ausgespült – daher der vielgenutzte Begriff Spülen. Wenn in der Spüllösung einer oder mehrere Embryonen gefunden wurden, wurden diese Empfängerstuten eingepflanzt. Hoffentlich mit einem gesunden Fohlen als Ergebnis. 11 Monate später, Sie raten es schon, steht dann ein gesundes Fohlen neben der Leihmutter im Stall. Die Spendermutter wurde in der Zwischenzeit noch weiter eingesetzt, um Embryonen zu liefern, oder ist kurz nach der Spülung wieder dem Tagesbefehl zum Einsatz im Sport gefolgt.

Es wurde so schlicht vom Embryonen spülen gesprochen, und es wurde so häufig eingesetzt, dass es mir als die normalste Sache der Welt erschien. Als ich selber daran ging, Embryonen zu spülen, lief es wie geschmiert, sowohl mit der Technik, als auch mit den eigenen Erfolge.

Als ich in die Niederlande umzog, wurde mir häufig wegen Embryotransfer auf den Zahn gefühlt. Die ersten paar Male gab ich wenig darauf Acht, aber nach einiger Zeit erkannte ich, wie viel Skepsis darüber herrschte und wie desinformiert man jenseits der Grenze noch war. ‚Fake news‘, aktueller ging es nicht.

Mein Umzug in die Niederlande verlief ungefähr gleichzeitig mit dem Aufkommen von OPU/ICSI, der nächste große Sprung vorwärts in der ‚Deckerei‘. Die 300 km zwischen der grünen Lunge von Aalst und dem Herzen von Overijssel sorgten dafür, dass ich diesen neuesten Schritt nicht von Nahem mitmachte. Ich konnte nur wenig erzählen über die Technik, ihre Erfolge, ihre Risiken, Vor- und Nachteile. Als ich dann auch noch mit einigen harten, negativen Berichten konfrontiert wurde, fand ich die Zeit sei reif, um selbst auf Erkundung zu gehen.

So landete ich bei Professor Peter Daels. Nach Beendigung seines Studiums an der Universität von Gent zog er 1984 nach Kalifornien in den USA, um an der Davis University zu promovieren. Er tauschte später die Westküste gegen die Ostküste und wurde Professor an der Cornell University of New York. Im Jahr 1997 arbeitete er für ein Jahr an der Universität von Utrecht, um danach in der Nähe von Paris am INRA (Institut National de Recherche Agronomique) um Forschungsarbeit zu leisten. Er arbeitete am Fortpflanzungszentrum Keros in Belgien und ist seit 2012 wieder zurück ‚daheim‘ als Professor für die Fortpflanzung des Pferdes an der Universität in Gent.

Er stellte mich auch der Tierärztin Katrien Smits vor, die mich durch die praktische Seite von ICSI führte. Dr. Smits leitet das Projekt seit dem ersten in Benelux geborenen ICSI-Fohlen, das 2009 zur Welt kam. Momentan forscht sie als Postgraduate an der Universität in Gent, wo sie die ICSI-Technik verfeinert und neue Möglichkeiten untersucht, wie etwa das Tiefgefrieren von Eizellen und die genetische Analyse von ICSI-Embryonen.

Es wird immer von ICSI gesprochen, aber eigentlich geht es um zwei verschieden Techniken, OPU (Ovum Pick Up) und ICSI (Intra Cytoplasmatic Sperm Injection), aber Sie dürfen ruhig ICSI sagen. Die Technik OPU bezeichnet das Entnehmen von Eizellen aus dem Körper der Stute. Dies geschieht bei nichttragenden Stuten, indem vaginal eine Sonde eingeführt wird. Zuvor erhält die Stute eine epidurale Anästhesie, eine Betäubung, die nicht ganz risikolos ist. Die Sonde, bestehend aus einem Ultraschallkopf und einer vorschiebbaren Nadel, wird gegen die Wand der Vagina gehalten. So erhält der Schallkopf ein Bild der Eierstöcke, die gleichzeitig rektal am Ort gehalten werden. Mit der Nadel sticht man nacheinander durch die Wand der Vagina über die Bauchhöhle in den Eierstock, wo man den Follikel anheftet. Daraufhin werden die Follikel, die eigentlich einfach mit Flüssigkeit und einer winzigen Eizelle gefüllte Bläschen sind, angestochen und mit der Nadel leer gesaugt. Manchmal haftet die Eizelle noch an der Wand des Follikels, und um die Chancen zu verbessern, wird der Follikel gut gespült und die Wand des Follikels abgeschabt.

Wenn Sie also beim nächsten Mal in eine Diskussion verwickelt sind, schaben oder stechen, es kommt aufs Gleiche heraus!    

In einem idealen Fall wird eine Stute mit 20-30 unreifen Eizellen im Eierstock angeboten. Wieso unreife Eizellen? Weil eine unreife Eizelle besser kontrolliert werden kann. Eine reife Eizelle ist in der Behandlung viel delikater und muss prinzipiell rasch besamt werden. Je mehr Eizellen bereit stehen, desto größer sind die Chancen auf eine Trächtigkeit. Hier tritt laut Professor Daels bereits einer der Vorteile von ICSI hervor. Man kann je nach Programm der Stute eine Verabredung in einem OPU-Zentrum planen. Vor der Fahrt zum OPU-Zentrum lässt man seine Stute noch einmal von seinem eigenen Tierarzt schallen, so dass man sicher ist, dass sich die Fahrt lohnt. Wenn nicht genug Eizellen bereit stehen, stellt man das OPU noch etwas zurück, bis ausreichend Follikel vorhanden sind.

Zurück zu den Eizellen, denn die sind mittlerweile im Laboratorium angekommen, wo sie aus der Spüllösung entnommen und inspiziert werden. Die besten Eizellen werden in eine Nährlösung verbracht, wo sie heranreifen, bis sie bereit für die Befruchtung sind. So einfach die Befruchtung auch scheint, so kompliziert und heikel ist sie doch.

Man nehme eine Anzahl reifer Eizellen und einen Teil der Spermamenge, die man beim traditionellen Besamen mit frischem oder Tiefgefriersperma braucht. Diese Ingredienzien sammelt man in einer Petrischale, in der jede Eizelle separat in einem Tropfen Nährlösung schwebt.

Mit einem Mikromanipulator, einer Kombination aus einem Mikroskop und zwei Roboterarmen, geht man ans Werk. Das Mikroskop spricht für sich, damit sieht man sehr kleine Dinge sehr, sehr groß. Wir sprechen hier von Größen von einigen Mikrometern. Ein Mikrometer ist 0,000001m.

Die Roboterarme halten auf der einen Seite eine Haltepipette und auf der anderen Seite eine Injektionspipette. Beide Instrumente werden mit einem Joystick bedient, während man durchs Mikroskop blickt. Neben der Bewegung der Instrumente haben beide auch noch eine Saug- und eine Blasfunktion. Sind Sie mit der Konsole der Playstation nicht geschickt, oder lassen Sie noch immer einen Ballen Späne vom Kipplader fallen? Dann fangen Sie hiermit besser nicht an.

Die Eizelle aufsuchen, die Haltepipette neben die Zelle bringen und sie ansaugen. So rollt die Zelle nicht jedesmal weg, wenn man gleich injizieren muss. Sie kennen das auch, die Geschichte von der Olive und dem Picker. Dann geht man auf die Suche nach einer mobilen Spermazelle, korrekt von Form und Bewegung. Der Beweglichkeit legen Sie einen Riegel vor, oder besser gesagt, man beschädigt den Schwanz, damit das Spermium nicht jedes Mal wegschwimmt. Saugen Sie die Spermazelle mit der Injektionspipette auf und gehen Sie zurück zu ihrer Eizelle. Stechen Sie eine kleine Öffnung in die Eihülle, bohren Sie ein Löchlein in die Eizellmembran und bringen die Spermazelle in die Eizelle. Mission beendet, Sie haben eine Eizelle befruchtet. Gehen Sie zurück zu Schritt 1 und befruchten alle übrigen Eizellen.

Nachdem alle Eizellen befruchtet sind, platzieren Sie die befruchteten Eizellen in einem anderen Brutschrank unter anderen klimatischen Bedingungen. Vergessen Sie das nicht! Durch die Beschädigung des Schwanzes der Spermazelle werden chemische Botenstoffe freigesetzt, die den weiteren Ablauf des Prozesses aktivieren. Eizellen des Menschen und anderer Tierarten sind fast transparent, wodurch die Zellteilung recht einfach zu beobachten ist. Beim Pferd ist die Eizelle dunkel, was die Inspektion viel schwieriger macht. Haben Sie keine Geduld? Dann ist dieser Schritt auch nichts für Sie! Warten!  

Jetzt dauert es 7 bis 8 Tage, bis die Eizelle sich zum Embryo entwickelt. Jedes Mal, wenn man die Tür des Brutschranks öffnet, verändert man möglicherweise das Klima im Brutschrank und macht dies auf Kosten eines Erfolges. Am Ende dieses Vorgangs hat man dann die Wahl, die Embryonen einzufrieren oder einer Trägerstute einzupflanzen. Untersuchungen haben ergeben, dass das Einfrieren die Überlebenschancen des Embryos nicht negativ beeinflussen. Durch das Einfrieren werden die Embryonen mobil, man kann sie leicht rund um die Welt schicken und hat die vollständige Kontrolle darüber, was man mit den Embryonen machen will.

Die OPU-Technik hat sich schon gut eingebürgert, und man kann an vielen Orten in Europa die Eizellen seiner Stute sammeln lassen. Leider ist die Technik des Einfrierens von Eizellen noch nicht so weit fortgeschritten, weshalb man mit seinen Eizellen schon gleich loslegen muss. Wie gesagt, kann man sie im Brutschrank heranreifen lassen, um sie dann befruchten zu lassen.  Aber wenn ihr OPU-Zentrum kein ICSI ausführt, kann man sie bei Zimmertemperatur einfach transportieren. Die Eizellen reisen gut und kommen dann in einem der wenigen ICSI-Zentren in Europa in den Brutschrank. Sie sind so robust, dass es sogar keinen Unterschied im Ergebnis mit Eizellen gibt, die zunächst transportiert wurden, und Eizellen, die gleich dem Reifungsprozess unterworfen wurden.

Wenn aber OPU doch relativ gängig ist, Eizellen gut reisen können und man über eine gute Hand-Augen Koordination verfügt, kann es doch nicht so schwierig sein, einen Erfolg zu verbuchen, oder?

In einem europäischen Labor wurde mit Erfolg ICSI im kleinen Rahmen ausgeführt. Die Ergebnisse waren vortrefflich, die Kunden glücklich, kein Wölkchen am Himmel. Bis sich plötzlich keine einzige Zelle mehr teilte und keine Eizelle mehr befruchtet wurde. Das Problem einiger Tage wurde das einiger Wochen, und aus Wochen wurden Monate. Verzweifelt wurde nach einer Erklärung für dieses unglaubliche Geschehen gesucht. Zuletzt wurde ein Experte zugezogen, der alle Flüssigkeiten, Seifen und Desinfektionsmittel untersuchte. Er überprüfte, ob die angezeigte Temperatur auf dem Display des Brutschranks auch der tatsächlichen Temperatur im Inneren entsprach. Er untersuchte die Luft im Labor und in der Umgebung. Und da kam der Experte zu der Feststellung, dass einige Monate zuvor ein neuer Asphalt in der Umgebung des Labors verlegt worden war. Die Gase und Stoffe, die dabei frei wurden, drangen ins Labor ein und verpesteten buchstäblich das für eine Befruchtung günstige Klima. So empfindlich ist ICSI.

Bevor Sie also im Badezimmer versuchen, ICSI durchzuführen, sollten Sie rasch das Parfum gut wegpacken.

Um die Erfolgsrate zu verdeutlichen, wurden mir folgende Zahlen vorgelegt. Aus einem Ovum Pick Up mit 12 Follikeln erhält man im Durchschnitt 8 Eizellen, wovon 5 ausreifen, um befruchtet zu werden, davon können dann wiederum durchschnittlich 2 Embryonen eingepflanzt oder in Stickstoff aufbewahrt werden. Beim Implantieren hat man eine Erfolgsrate von 65%. Aus 1 bis 2 Embryonen wird also ein Fohlen.

Bevor Sie mich auf einem Turnier auf die Geschichte des Nachbarn ansprechen, der aus einer OPU 3 Embryonen und Fohlen erhielt, erinnere ich Sie daran, dass es Durchschnittswerte sind. Es gibt natürlich immer Ausnahmen, aber es umreißt das Bild der Chancen, die Sie haben, wenn Sie dieses Abenteuer eingehen.

Das unterstreicht zudem die Kontrolle, die man bei OPU/ICSI hat. Um ihrem Abenteuer die besten Chancen zu geben, muss der Beginn des Abenteuers so gut wie nur möglich sein. Man kann besser den OPU hinausschieben, bis die Stute beim Ultraschall ausreichend Follikel aufweist, um so die Chancen beim Pick Up zu maximieren. Man kann außerhalb der traditionellen Zuchtsaison arbeiten und kann die Embryonen auftauen und einpflanzen, wann man will. So können Sie also theoretisch dafür sorgen, dass alle ihre Embryonen im April implantiert werden und dass ein Jahr später im März alle ihre Fohlen geboren werden, anstatt den gesamten Frühling und Sommer nachts aufzustehen, um all ihre Fohlen zur Welt zu bringen. Dadurch kann auch das Absetzen viel einfacher verlaufen, weil alle ihre ICSI-Fohlen ungefähr gleich alt sind.

Weil man den Moment des Einpflanzens einplanen kann, kann man also auch seine Empfängerstute wählen. Eine eigene Empfängerstute, oder eine des Zentrums, wo man diese Arbeit ausführen lässt? Beim regulären Embryotransfer bekommt man eine Stute zugewiesen, die gerade mit der passenden Zyklusphase zur Verfügung steht, aber nicht unbedingt die Stute, die man am liebsten hätte.  

Sie können jetzt auch den Hengst, den Sie wollen, gebrauchen, wann Sie es wollen. Man braucht nicht mehr das traditionelle Frischsperma zu berücksichtigen und das Turnierprogramm des Hengstes ihrer Wahl. Ist ihre Stute rossig, muss sie jetzt besamt werden, aber der Hengst deckt nicht, weil er auf dem Turnier ist? Kein Thema mehr in dieser Zeit mit ICSI. Ist die Qualität des Spermas mäßig oder schlecht? Eine bewegliche Spermazelle reicht aus.

Stellen Sie sich vor, Sie würden ihr OPU/ICSI-Abenteuer ausweiten und hätten im Frühjahr 20 Embryonen zum Einpflanzen. Dann verteilen Sie sie auf die verschiedenen Stationen und können gut beobachten, wer die besten Resultate erzielt. Der Schwerpunkt der Macht verschiebt sich, mit allen seinen positiven und negativen Folgen.  

Aber nun, zurück zur Zucht und insbesondere zu den Empfängerstuten. Einer der Aufhänger für das Interview mit Professor Daels war eine Vorlesung, die er an der Universität in Hasselt gehalten hat. Dort zog er einige bemerkenswerte Zahlen aus der Tasche, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Für den einen wird es schon bekanntes Wissen sein, für den anderen Blasphemie.

In Frankreich wurde eine große Studie durchgeführt, bei der gut 50.000 Pferde im Laufe ihres Lebens beobachtet wurden, als Fohlen, Sportpferd, Deckhengst, Zuchtstute… Es zeigte sich, dass das erste Fohlen einer Stute Leistungen unterhalb der Norm erbrachte. Die Norm ist, was man aus der Kombination von Mutter und Vater, Stute und Hengst erwarten kann. Und das bezieht sich sowohl auf die Leistung, als auch auf die physische Entwicklung. Schießt nicht auf mich, so sind die Zahlen, und die lügen nicht.

Eine mögliche Erklärung ist die Straffheit und Größe der Gebärmutter, die bei der ersten Trächtigkeit noch klein ist. Je größer die Gebärmutter, desto mehr Oberfläche gibt es, über welche die Stute Nährstoffe und Sauerstoff in die Plazenta mit dem Embryo daran leiten kann. Die zweiten und dritten Fohlen sind immer besser und dann stagniert/normalisiert sich die Leistung im Hinblick auf die Norm.

Zum Ende des Lebens einer Stute nimmt die Qualität ihrer Nachkommen wieder ab. Auch hier kann die Erklärung in demselben Bereich gesucht werden. Die Elastizität der Gebärmutter nimmt ab, und an der Gebärmutterwand können beispielsweise einige Narben vorhanden sein.

Amsterdam, 1944, der Hungerwinter. Männer und Frauen mussten mit dem absoluten Minimum überleben, und in der Kargheit während des Krieges fanden viele Einwohner den Tod. Die ungeborenen Kinder im Bauch ihrer Mütter teilten das Elend. Sie werden bis heute diagnostiziert mit Diabetes, Herz- und Gefäßkrankheiten und Lungen- und Nierenleiden. Was man selbst als Embryo nicht bekommen hat, fehlt einem sein Leben lang. Was ihr Embryo nicht bekommt, verfolgt ihn auch ein Leben lang.

Dies könnte zugleich die Basis der Skepsis vieler Züchter ICSI betreffend sein. Eine oft gehörte Bemerkung ist der Verweis auf die Rinder, wo zuerst mit ICSI bei Tieren begonnen wurde. 

Zunächst eine kurze Geschichte. Milchkühe geben Milchkälber, das dürfte Sie nicht überraschen. Aber die Hälfte der Kälber sind Bullen, die leider wenig einbringen. Kein Fleisch auf den Knochen und kein Euter, also keine Milch. Aber die Kühe müssen weiter Milch geben, indem sie Kälber zur Welt bringen. Daher zogen Forscher in die Schlachthäuser, wo sie die Eierstöcke und Eizellen aus gerade geschlachteten Fleischrindern entnahmen. Diese Eizellen wurden befruchtet und an die Landwirte verkauft. Die Bauern, die früher Sperma kauften, um die Kuh zu besamen, pflanzten die Embryonen der kleinen Fleischrasse in die Milchkühe. So hatte der Bauer eine trächtige Kuh, die nach der Geburt Milch gab, und ein Kalb, das, falls es ein Bulle war, wieder Geld einbrachte. Mit den Kälbern war auch ICSI geboren.
 

Aber bei der Befruchtung der Eizellen von Rindern wurden neben den Spermien auch andere Stoffe hinzugefügt. Dies verursachte das ‚large cow syndrome‘, bei dem Kälber mit Veränderungen an den Organen und dem Gehirn geboren wurden. Einerseits wurden während des ICSI-Vorgangs bei Pferden keine anderen Stoffen zugefügt, andererseits wurden noch keine Problemfälle bei neugeborenen Fohlen festgestellt. Die Erfolgsraten bei Kühen sind wohl größer als bei Pferden, woraus man schließen könnte, dass die Fortpflanzung bei Rindern weniger selektiv ist als bei Pferden. Bei Rindern selektiert die Natur die ‚Produktionsfehler‘ nicht aus, und deshalb werden Kälber mit Veränderungen geboren. Bei Pferden scheint das nicht der Fall zu sein. Etwas, was Sie häufiger hören, ist beispielsweise die Einfachheit, mit der man Rinder tragend machen kann, was keinen Cent wert ist hinsichtlich derselben Prozedur bei Pferden.  

Aber wo waren wir stehengeblieben? Stuten, ihre ersten Fohlen, und Empfängerstuten. Wenn die Empfängerstute selbst ihr erstes Fohlen zur Welt bringt, wird das Fohlen genau wie bei der leiblichen Mutter aus den oben genannten Gründen leistungsmäßig unter der Norm liegen. Bei derselben Untersuchung zeigte sich, dass ein Fohlen, entstanden aus einer Trächtigkeit einer Stute, die ein Fohlen bei Fuß führte, leistungsmäßig oberhalb der Norm lag. Hier ist die Erklärung eher bei der Allgemeingesundheit einer Stute zu suchen, die Jahr für Jahr tragend wird. Um es noch komplexer zu machen, aus der Untersuchung ergab sich auch, dass die Nachkommen von dreijährigen Stuten es durchschnittlich besser machen als die Norm. Warum? Wenn man eine talentierte Stute hat, will man sie doch noch decken und einen Nachkommen davon zu haben, bevor sie in den Sport geht und möglicherweise verkauft wird. Und Talent leistet durchweg mehr.

Der Einfluss der Empfängerstute ist zu vernachlässigen! Nun, nicht ganz, aber ich habe wieder ihre Aufmerksamkeit. Wie schon zuvor gesagt, wenn die Empfängerstute ihren Körper zum ersten Mal für ihren Embryo einsetzt, wissen Sie, dass ihr Fohlen statistisch gesehen unterdurchschnittliche Leistungen zeigen wird.  

Aber die Engstirnigkeit und Angst, mit der wir nach Empfängerstuten schauen, ist nicht immer begründet, sicherlich nicht, wenn es um den Charakter geht. Ich nenne Ihnen drei Beispiele. 

Im Polosport sind das Durchsetzungsvermögen und der Wille eines Pferdes ausschlaggebend. Die besten Pferde sind daher auch nicht zu kaufen, weil sie die besonderen Trümpfe eines Teams sind. Diese Pferde sind oft Stuten, weil Wallache den Polospielern zufolge oft nicht denselben Drang zeigen wie ihre weiblichen Pendants. Hengste machen beim Polosport nicht mit, weil Hengste und Stuten… ja, Sie begreifen es schon. Mit erfolgreichen Stuten wird nicht ‚traditionell‘ gezüchtet, aber es werden Embryonen gespült. Und es geht noch weiter. Die Argentinier klonen, dass es eine wahre Lust ist, und die Resultate stehen dem in nichts nach. Die Stute Cuartetera des legendären Polospielers Adolfo Cambiaso wurde 6 Mal geklont. Die Stute wird in der Poloszene als der ‚Messi des Polosports‘ umschrieben, und indem er sie klonte, konnte Cambiaso während des Wettkampfs das Pferd wechseln, um ein fitteres Pferd zu haben, aber er wechselte niemals den Charakter. Mit seinen 6 Klonen gewann er das prestigeträchtige Tortugas Open in Palermo. Er beschreibt es als einen immensen Luxus, immer dasselbe Pferd zu reiten und denselben Einsatz zur Verfügung zu haben.

Beim Pferderennen liegen für Vollblüter nur einige Plätze zwischen Anonymität und immer währendem Ruhm. Man spricht oft von ‚Ausdauer‘, Durchhaltevermögen. Dieser Charakterzug muss den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage, erstem Platz oder einem Platz im Pulk ausmachen. Wer sich in dieser Welt ein wenig auskennt, hat sicher auch schon mal gehört, dass eine schlimme Niederlage den Charakter eines Pferdes wirklich brechen kann und seine Karriere beenden kann.
Wenn die erfolgreiche Vollblutstute ein Fohlen bei Fuß führt, muss sie natürlich wieder gedeckt werden. Oft stehen die Vollbluthengste, die ausschließlich natürlich decken, in einem anderen Land, manchmal sogar auf einem anderen Kontinent. Es ist dann doch verrückt, die blutjungen Fohlen lange Fahrten im Transportwagen machen zu lassen, geschweige denn einen Flug über den großen Teich. Deshalb sind rund um die Gestüte ‚nursereys‘ zu finden. Genauer gesagt sind es Adoptionszentren, wo die Fohlen von Adoptivmüttern betreut und aufgezogen werden. Denn da es um Fohlen von Hengsten mit einem Deckgeld oberhalb von 100.000 Euro geht, werden Vollblutzüchter doch kein unbekanntes Risiko auf sich nehmen, bei ihren Fohlen den gewünschten Charakter ihrer erfolgreichen Mutter verlustig gehen zu lassen. Offensichtlich haben die Charaktere der Adoptivmütter keinen Einfluss auf den Charakter des Fohlens. 

Die letzte Anekdote kommt von Professor Daels selbst. Es ist allgemein bekannt, dass manche Deckhengste ihren Charakter (gut oder schlecht) kräftig weitergeben. Aber die Hengste waren nicht dabei, als ihr Fohlen ‚gemacht‘ wurde. Auch waren sie bei der Geburt abwesend und sind auch nicht auf Wochenbettbesuch gewesen. Und doch tragen die Fohlen ein Stück vom Charakter des Vaters mit sich. Eine einfache Geschichte, die einen jedoch nachdenklich stimmt.

ICSI oder ET

An sich landet man immer beim Embryotransfer. Nur die Phase, die dem ‚Verpflanzen‘ des Embryos vorangeht, ist verschieden. Beim ET befruchtet man die Eizelle in der Spenderstute, bei OPU/ICSI befruchtet man die Eizelle im Labor. Zuletzt pflanzt man den Embryo in die Empfängerstute ein.

Den Ergebnissen zufolge hat man bei einer OPU/ICSI-Session größere Chancen auf einen eingepflanzten Embryo als beim ET. Bei einer ET-Prozedur hat man durchschnittlich 35% Chance auf einen Embryo, während ICSI im Mittel gut 60% Chancen auf einen Embryo bietet. Aber die Kosten der ICSI-Prozedur sind deutlich höher als beim ET. Mit ICSI hat man mehr Freiheit und Kontrolle, während man beim ET dem natürlichen Zyklus folgen muss. Wohlgemerkt, ET ist bereits seit Jahren die Lösung, um aktive Sportpferde doch in ein Zuchtprogramm einzubinden. Und daneben ist ET weniger risikoreich als ICSI, bei dem eine epidurale Anästhesie angewandt werden muss und durch die Scheidenwand gestochen werden muss. Darum werden aktive Sportpferde nur selten dem OPU unterworfen. Es steht einwandfrei fest, dass beide Techniken sich noch erheblich weiter entwickeln werden. Als Folge davon werden auch mehr ICSI-Zentren an den Markt kommen, und mehr Angebot bedeutet niedrigere Preise, was ICSI noch attraktiver machen kann.

Eine letzte bemerkenswerte Feststellung bei ICSI und ET ist, dass beide Techniken mehr Hengst- als Stutfohlen hervorbringen. ET bringt durchschnittlich 56% männliche Fohlen zur Welt, bei ICSI läuft der Durchschnitt auf bis zu 72%. Mutter Natur hält es mit 50/50. Die Wahl liegt bei Ihnen.

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