Schnelles Eingreifen bei Stellungsfehlern beugt vielen Enttäuschungen vor

Die Fohlensaison ist schon wieder in vollem Gang. Jeder Züchter erhofft sich ein gesundes Fohlen mit korrektem Körperbau und korrekter Gliedmaßenstellung. Bei den meisten Geburten vollzieht sich das ohne Probleme. Es gibt allerdings Fohlen, die mit Stellungsfehlern geboren werden, welche bei zeitigem Eingreifen gut zu beheben sind. Es ist die Rede von angeborenen oder ‘kongenitalen’ Gliedmaßenerkrankungen, und von Stellungsfehlern, die nach einiger Zeit entstehen können, sogenannten ‘erworbenen’ Gliedmaßenerkrankungen.

 Vorübergehende Schwäche der Beugesehnen bei einem jungen Fohlen.  

Mögliche Ursachen von angeborenen Stellungsfehlern vs. erworbenen Stellungsfehlern:

Angeborene oder kongenitale Stellungsfehler haben ihren Ursprung in einer Frühgeburt, verursacht durch eine Krankheit der Stute, eine bestimmte Lage des Fohlens in der Gebärmutter, durch Schwäche und/oder eine erbliche Veranlagung.

Erworbene Stellungsfehler entstehen im fortgeschrittenen Alter durch unausgeglichene Ernährung, zu schnelles Wachstum oder ein Trauma und/oder eine Entzündung der Wachstumsfugen.   

Ist eine Behandlung möglich?

Der Schlüssel zum Erfolg bei Fohlen mit Stellungsfehlern ist eine frühzeitige Behandlung. Junge Fohlen haben noch ein sehr aktives Beinwerk, weil sie rasch wachsen. Dieses aktive Beinwerk hat den Vorteil, dass die meisten Stellungsfehler teilweise oder vollständig korrigiert werden können. Das abschließende Ergebnis ist natürlich abhängig vom Grad der Gliedmaßenveränderung, der Lokalisation, der Ursache, und ob diese Ursache effektiv behandelt werden kann. Viele Stellungsfehler können bis zu einem Lebensalter von +/- 6 Monaten erfolgreich behandelt werden, doch ist dies eine sehr kurze Zeitspanne. Die Behandlung von Stellungsfehlern ist oft eine Kombination vieler Maßnahmen, dazu gehören angepasste Bewegung und das Angehen der zugrunde liegenden Ursache in Kombination mit einer konservativen, oder, wenn nötig, einer chirurgischen Behandlung.   

Der entscheidende Teil des konservativen Vorgehens ist das Angleichen des Hufstandes mittels Hufbearbeitung und/oder des Gebrauchs eines geeigneten kleinen Eisens. Neben einem vom Hufschmied selbst geschmiedeten Eisen gibt es auch kommerzielle Hufschuhe für diverse Stellungsfehler. Wenn man nach einer konservativen Behandlung ein ungenügendes Ergebnis erzielt, wird ein chirurgischer Eingriff in der Tat unvermeidlich.    

Schwache Fohlen, die infektionsanfällig sind, haben ein größeres Risiko für Stellungsfehler (x-beinig auf Höhe des Vorderfusswurzelgelenks).

Achsenfehlstellungen:

Die Beine eines Fohlens oder Pferdes in der Ansicht von vorne sollen im Prinzip eine gerade Linie bilden, die durch Unterarm, Vorderfusswurzelgelenk, Röhrbein, Fesselgelenk, Fessel und Huf beim Vorderbein und bei Hinteransicht durch Unterschenkel, Sprunggelenk, Fesselgelenk, Fessel und Huf der Hinterbeine zieht. Wenn es in dieser Linie einen wirklichen Winkel gibt, spricht man von zwei Typen von Achsenfehlstellungen, einerseits die Valgus-Deformation und andererseits die Varus-Deformation.

Bei einer Valgus-Deformation oder x-Beinigkeit gibt es eine Abweichung des untersten Teils der Gliedmaße nach außen in Bezug auf den Punkt, an dem der Winkel gebildet wird.  Wenn man das Entgegengesetzte sieht, wobei der unterste Teil der Gliedmaße nach innen abweicht, spricht man von einer Varus-Deformation oder o-Beinigkeit. Valgus- oder Varus-Deformationen treten vornehmlich in Höhe des Vorderfusswurzelgelenks, der Fesselregion und viel weniger häufig in Höhe des Sprunggelenks auf.  

Um eine Vorstellung von der Entstehung derartiger Stellungsfehler zu bekommen, ist es wichtig zu wissen, wie die Längenzunahme eines Knochens verläuft.  

Ein Knochen wächst von der ‘Wachstumsfuge’ ausgehend in die Länge. Auf Höhe dieser Wachstumsfuge wird Knorpel in Knochen umgewandelt, nachdem sich beide vermengt hatten. Bei der Mehrzahl der Achsenfehlstellungen gibt es ein ungleiches Wachstum in der Wachstumsfuge aufgrund eines Traumas oder einer eventuellen Infektion.  

Daneben gibt es noch eine kleinere Zahl, bei der die Winkelung durch angrenzende Gelenke und/oder Knochen verursacht wird. Dies sieht man ab und zu, wobei die schwachen Anteile, zu denen die Gelenkbänder gehören, noch ungenügend kräftig sind. Abweichende Knochenanlagen oder ungenügende Verknöcherung der Gelenke durch Frühreife können ebenfalls eine mögliche Ursache von Achsenfehlstellungen sein.  

Die konservative Behandlung von Achsenfehlstellungen besteht daraus, bei der x-Beinigkeit (Valgus-Deformation) die Aussenwand der Hufe einzukürzen, und bei o-Beinigkeit die Innenwand. Häufig muss man dies regelmäßig wiederholen, und es kann sein, dass das häufige Raspeln einer Seite limitiert ist. Hierfür gibt es im Handel Hufschuhe, die auf einer Seite etwas niedriger sind und auf diese Weise die verlangte Korrektur ermöglichen. Durch die Umstellung des Hufstandes erhält man einen korrigierenden Einfluss auf die noch aktive Wachstumsfuge.

Wenn der schiefe Stand mittels der Hufbearbeitung nur ungenügend korrigiert werden kann, wird eine chirurgische Intervention notwendig. Bei einer chirurgischen Intervention hat man zwei Möglichkeiten, Einfluss auf die asymmetrische Wachstumsfuge auszuüben, einerseits durch Stimulation einer Seite der Wachstumsfuge mittels eines ‘Stripping’. Beim Stripping wird das Periost, oder Knochenhaut, eingeschnitten und auf Höhe der Wachstumsfuge nach oben geliftet. Bei der Valgus-Deformation (x-Beinigkeit) muss dies an der Aussenseite der Wachstumsfuge geschehen und an der Innenseite bei der Varus-Deformation (o-Beinigkeit).

Neben dem ‘Stripping’ besteht andererseits die Möglichkeit, das Wachstum der Wachstumsfuge durch das sogenannte ‘Stapling’ zu bremsen. Beim Stapling wird das Wachstum gebremst, indem eine Schraube über der Wachstumsfuge angebracht wird. Beide techniken können in extremen Fällen von Achsenfehlstellungen kombiniert angewendet werden. Korrekturen müssen so schnell wie möglich geschehen, angesichts der Tatsache, dass bei jüngeren Fohlen die Wachstumsfugen noch aktiver sind. Winkelbildungen in Höhe der Fessel müssen bis zu einem Alter von 3 Monaten bereits korrigiert sein, weil diese Wachstumsfugen schnell inaktiv werden. Bei Abweichungen in Höhe des Vorderfusswurzelgelenks können Anpassungen bis 6 Monate geschehen. Prognostisch haben derartige Abweichungen ein gutes Ergebnis, vorausgesetzt, dass sie in einem sehr frühen Stadium korrigiert wurden.

Schwache Beugesehnen:

Viele Fohlen, die geboren werden, können noch derart schwach auf den Beinen sein, dass die Zehe des Hüfchens etwas nach oben wippt. In schwereren Fällen laufen diese Fohlen sogar auf der Rückseite der Fessel oder des Fesselgelenks.  

Die Gründe für derartige Abweichungen finden sich in den noch schwachen Beugesehnen, und meist erholen sie sich spontan durch etwas eingeschränkte Bewegung. Weil sich die Beugesehnen/ -muskeln verstärken und die Länge der Knochen schneller zunimmt als die Länge der Beugesehnen, gibt es eine Spontanheilung.

Unter extremen Umständen kann ein geeigneter Beschlag mit etwas verlängerten Schenkeln Unterstützung bieten und verhindern, dass die Zehe hochwippt. Es ist von entscheidender Bedeutung, diesen Fohlen keinen Verband anzulegen, da er die Schwäche noch verstärkt.

Verkürzung der Beugesehnen:

Bei Verkürzungen oder Kontrakturen der Beugesehnen besteht ein Unvermögen, die Gliedmaße vollständig strecken zu können. Derartige Veränderungen können angeboren sein oder auch in höherem Alter entstehen. Angeborene Kontrakturen können verursacht werden durch mangelnden Platz oder eine fehlerhafte Haltung in der Gebärmutter. Daneben sehen wir bei den erworbenen Abweichungen, dass die Ursache mit einer genau bestimmten Haltung beim Grasen erklärt werden kann.  

Valgus beim Shetlandfohlen durch zu wenig Platz in der Gebärmutter.

Bei einem Bockhuf gibt es eine Verkürzung der tiefen Beugesehne, die tief im Huf ansetzt, wodurch sich das Hufbein etwas verlagert. Weil es eine starke Verbindung zwischen Hufbein und Hornschuh gibt, wird der Vorderrand des Hufschuhes derart steil, dass ab einem gewissen Punkt die Trachten nicht mehr vollständig auf dem Boden fussen können.

In sehr leichten Fällen ist es wichtig, den Zehenteil des Hüfchens zu erhalten und die Trachten leicht einzukürzen. Wenn auf Höhe der Trachten tatsächlich keine Fussung mehr möglich ist, wird das Einkürzen der Trachten wenig Effekt haben. Um gegen die Retraktion der tiefen Beugesehne anzugehen, ist es wichtig, die Zehe mittels eines Hufschuhes oder eines Schnabeleisens etwas zu verlängern. Durch die Zehenverlängerung wird das Fohlen gezwungen, mehr durchzutreten und so gegen die Kontraktur der tiefen Beugesehne anzugehen. Es ist allerdings wichtig, diesen Fohlen Schmerzmittel einzugeben, um den Schmerzzyklus zu unterbrechen.  

Wenn es bei derartigen Retraktionen quasi keinen Kontakt der Trachten mit dem Boden mehr gibt, wird der angepasste Beschlag ungenügende Verbesserung ergeben. Neben dem geeigneten Beschlag wird eine chirurgische Behandlung notwendig werden. Beim chirurgischen Eingriff wird das Unterstützungsband der tiefen Beugesehne durchtrennt. Dieses Unterstützungsband verläuft vom Röhrbein gerade unter dem Vorderfusswurzelgelenk und verschmilzt mit der tiefen Beugesehne. Durch die Durchtrennung des Unterstützungsbandes erhält die Beugesehne eine verbesserte Dehnbarkeit zur Korrektur der abnormalen Stellung.

Junge Fohlen können durch die Art des Grasens eine Verkürzung der tiefen Beugesehne entwickeln.

Neben der am häufigsten auftretenden Verkürzung der tiefen Beugesehne besteht auch die Möglichkeit einer Verkürzung der oberflächlichen Beugesehne, wobei die Fessel sehr steil gestellt wird und das Fesselgelenk nach vorn verlagert wird. Durch diese unnatürliche Stellung ist die Gefahr des Stolperns sehr groß. Eine Zehenverlängerung in Kombination mit erhöhten Trachten kann dazu verhelfen, die Verkürzung der oberflächlichen Beugesehne aufzuheben. Derartige Fälle haben allerdings eine weniger günstige Prognose als Verkürzungen der tiefen Beugesehne, bei denen eine vollständige Wiederherstellung in den meisten Fällen möglich ist. 

Fazit:

Fehlstellungen der Gliedmaßen kommen bei Fohlen sehr häufig vor und können bei Züchtern zu großen Enttäuschungen führen. Ein großer Teil der Fehlstellungen kann bei raschem und korrektem Vorgehen vollständig korrigiert werden, ohne jede Limitierung einer eventuellen Sportkarriere.

Der Schlüssel zum Erfolg wir immer ein schnelles und effizientes Vorgehen im Jugendalter sein. 

BIOGRAPHIE:

Tim Samoy hat 2006 sein Studium der Veterinärmedizin abgeschlossen und ist vornehmlich auf die Orthopädie und Sportbegleitung von Pferden aller Niveaus spezialisiert. Nach seinem Studium ist er unmittelbar in der Universität von Gent angefangen und ist dann 2008 in eine private Pferdeklinik übergewechselt. Seit März 2016 hat er seine eigene orthopädische Praxis eröffnet. Neben seiner tagtäglichen Arbeit ist er regelmäßig als offizieller FEI-Tierarzt auf verschiedenen internationalen Turnieren angestellt.

 

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